RTL-Reporterin Antonia Rados: "Die Wahl in Ägypten verdient ihren Namen nicht"

Der ehemalige ägyptische Militärchef Al-Sisi wird wohl Präsident.
Der ehemalige ägyptische Militärchef Al-Sisi wird wohl Präsident.
© dpa, Michael Kappeler

12. Juni 2014 - 10:46 Uhr

"Sisi sorgt für Ruhe, aber nicht für Demokratie"

Der Ausgang der laufenden Präsidentenwahl in Ägypten ist vorhersehbar: Der ehemalige Militärchef Abdel Fattah Al-Sisi hat praktisch keine Konkurrenz. RTL-Chefkorrespondentin Antonia Rados erklärt im Interview, warum er für sie so etwas wie der neue Napoleon ist – und weshalb die Islamisten vermutlich Jahrzehnte brauchen werden, um sich vom Sturz ihres Präsidenten Mohammed Mursi zu erholen.

RTLaktuell.de: Ägypten wählt – und hat doch keine Wahl? Armeechef Al-Sisi scheint ja als Gewinner praktisch schon festzustehen. Gibt es denn überhaupt einen Wahlkampf – und Gegenkandidaten?

Antonia Rados: Diese Wahl verdient den Namen Wahl nicht. Sie ist nichts als eine formelle Bestätigung für Sisi, für Armee und Ägyptens alten Sicherheitsapparat. Freie Meinungsäußerung gibt es seit dem Militärputsch im Sommer 2013 nicht mehr, Oppositionelle sind in Haft. Die Justiz ist der verlängerte Arm der Macht. Die Medien sind einseitig wie nie zuvor. Sisi ist der neue Napoleon – auch nach der französischen Revolution sehnten sich die Menschen nach Stabilität und jubelten dem Diktator Napoleon zu. Die ständigen Proteste gingen vielen Ägyptern auf die Nerven – sie sind offenbar bereit, den Preis dafür zu zahlen: Sisi sorgt für Ruhe, aber nicht für Demokratie. Und Ägypten bleibt gespalten: Auch der starke Mann al-Sisi hat laut Umfragen nur die Hälfte der Bevölkerung auf seiner Seite.

RTLaktuell.de: Wie tickt Al-Sisi? Welche politischen Ziele verfolgt er? Was würde seine Wahl für Israel bedeuten?

Rados: Ich sehe keine großen politischen Ziele von Sisi, außer Aufrechterhaltung der inneren Ruhe um jeden Preis. Stabilität ist der Weg und das Ziel. Dazu gehört Unterdrückung aller Andersdenkenden. In dem extrem instabilen Nahen Osten - siehe der syrische Konflikt, siehe Libyen - zählt Sisis einziges Programm, Stabilität, auch für Israel. Die Zusammenarbeit zwischen Israel und Ägypten ist offenbar reibungslos – insofern als Israel nun nur einen Ansprechpartner in Kairo hat: Sisi. Der gemeinsame "Feind" sind islamische Gruppen wie Hamas oder die Muslimbruderschaft, der Israel immer misstraute.

"Eine Opposition gibt es heute nicht mehr"

RTLaktuell.de: Wie steht es um die Opposition? Was ist aus El-Baradei geworden?

Rados: Die demokratische Opposition war immer schwach und zerstritten. Heute gibt es sie nicht mehr. Der frühere 'Twitter-König' El-Baradei hat keine einzige Nachricht zu Sisi verbreitet – dabei ist er ja in Sicherheit. Er lebt nun wieder in Europa. Man muss hinzufügen: Wer sich heute in Ägypten noch rührt, wird verhaftet. El-Baradei hat das demokratische Ägypten in Stich gelassen.

RTLaktuell.de: Welche Rolle spielen die Muslimbrüder?

Rados: Die Muslimbrüder haben ihre Chance, Ägypten demokratisch zu regieren, für lange Zeit verspielt – meiner Auffassung nach durch ihre Unfähigkeit, praktische Probleme des Landes zu lösen. Sie sind zwar nicht völlig zerstört durch die Unterdrückung der Armee, aber bis eine islamische Partei wieder an die Macht kommt, werden viele Jahre vergehen. Immerhin hat die Muslimbruderschaft noch eine gute Sympathisanten-Basis, dank ihrer langjährigen karitativen Arbeit.

RTLaktuell.de: Wie steht es um die Sicherheit? Die jüngsten Massenverurteilungen von Muslimbrüdern haben ja sicherlich nicht zur Deeskalation beigetragen. Droht eine Anschlagswelle rund um die Wahl?

Rados: Anschläge sind nicht auszuschließen, aber der Sicherheitsapparat führt ein eisernes Regime. Armee und ehemalige Mubarak-Leute sind überall. Als Reporter kann man kaum die Kamera aufstellen, schon wird man von Spitzeln kontrolliert. Ägypten ist nun ein autoritäres Regime – die Wahlen werden daran nichts ändern. Das wissen die Ägypter sehr gut: Viele sind enttäuscht von der Revolution, dem arabischen Frühling, von dem sie sich eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage versprachen. Als die nicht kam, stellten sie sich gegen die Revolution. Leider eine klassische Reaktion in der Geschichte vieler Revolten.