RTL-Reporter Jürgen Weichert berichtet aus Athen: Es kommt plötzlich Furcht auf

Erste Warteschlangen an Geldautomaten

Die Griechen sind Krise eigentlich gewohnt. Aber die Berichte über den Bargeldmangel haben die abgeklärten Griechen doch überrascht. Der Bargeldmangel, den wir jetzt in Athen beobachten, hat mehrere Gründe.

RTL-Reporter Jürgen Weichert berichtet aus Athen: Es kommt plötzlich Furcht auf
Griechenland: Wo und wie lange gibt es noch Geld?
REUTERS, ALKIS KONSTANTINIDIS

Aus Unsicherheit gehen jetzt auch die Touristen noch schnell zum Geldautomat und holen viel mehr Bargeld als sonst und als sie eigentlich nötig haben. Vor allem aber wollen die Griechen jetzt noch mal Bargeld bunkern. Dass hier kein sogenannter Bankrun stattfindet, also ein massenhafter Ansturm auf die Banken, liegt daran, dass die meisten Griechen bereits seit langem so viel Bargeld wie möglich von ihren Konten abgezogen haben.

Wie gesagt, vom Bankrun oder von panikartigem Sturm auf die Banken kann keine Rede sein. Das Geldabheben verläuft doch ruhig. Und wenn der eine Geldautomat kein Cash mehr hergibt, dann sucht man halt den nächsten. Die Touristen sind nicht beunruhigt.

Aber es fallen doch Details auf. Mehr Geldautomaten als sonst sind jetzt leer. Geschäftsleute berichten, größere Bargeldabhebungen wurden eingeschränkt. Und an manchen Geldautomaten bilden sich Warteschlangen von fünf bis zehn Menschen – Bilder, die man vorher so nicht sah.

Das die Versorgung mit Bargeld stockt, ist kein Wunder. Seit Monaten bereits trauen viele Griechen dem Braten - ihrer Regierung und den Banken - hier nicht mehr. Millionen Menschen bunkern ihr Geld, das Ersparte lieber zuhause als auf der Bank.

Schätzungen gehen davon aus, dass in diesem Jahr 30 Milliarden Euro abgehoben wurden. Seit Ausbruch der Krise sollen demnach rund 80 Milliarden Euro in Sicherheit gebracht worden sein. Das Geld wurde woanders angelegt, ins Ausland transferiert oder es wird teilweise eben zuhause versteckt.

Der Grexit, die Staatspleite, scheint wirklich möglich

Es wird also fast nur noch abgehoben. Umgekehrt vermeiden es die Geschäftsinhaber, ihre Einnahmen zu den Banken zu bringen und dort einzuzahlen. Nur was für die laufenden Zahlungen wirklich auf dem Konto benötigt wird, wird eingezahlt. "Zur Sicherheit", sagt ein Kioskbetreiber. "Man weiß ja nicht was passiert". Früher gab man das Geld aus Sicherheitsgründen zur Bank. Jetzt ist das umgekehrt. Kein Wunder also, dass bei den Sparkassen das Bargeld knapp wird.

Die Griechen haben im März 2013 bei ihren Nachbarn auf Zypern gesehen, was passieren kann, wenn Kapitalkontrollen eingeführt werden, wenn man an sein Erspartes nicht mehr rankommt oder der Zugang eingeschränkt wird. Zornig, hilflos und wütend waren damals die Zyprer. Viele hatten sich vorher nicht vorstellen können, dass ihr Zugang zum eigenen Geld reglementiert werden könnte.

Viele Griechen, mit denen wir in Athen reden, geben es offen zu: Auch bei ihnen steigt die Spannung. Furcht kommt plötzlich auf. Was passiert mit ihrem Land? Der Grexit, die Staatspleite, scheint wirklich möglich, wenn die Euro-Partner einfach nicht mehr helfen wollen oder können. Viele Griechen sprechen darüber, dass ihre Regierung sich verzockt, verpokert haben könnte. Beim Feilschen um immer neues frisches Geld. Mit Sorge schauen die Menschen in Griechenland auf die nächsten Tage - und den nächsten Griechen-Krisen-Gipfel, am Montag in Brüssel.