RTL-Reporter Dirk Emmerich in Kiew: "Hier brennen wieder Barrikaden"

20. Februar 2014 - 21:49 Uhr

Opposition erwartet Rücktritt von Regierungschef Asarow

Nach der gescheiterten Verhandlungsrunde der Opposition mit Präsident Viktor Janukowitsch weiten die Demonstranten ihren Protest aus. "In der Hrushevskogo Straße brennen wieder Barrikaden", berichtet RTL-Reporter Dirk Emmerich.

Ukraine, Kiew
RTL-Reporter Dirk Emmerich berichtet von brennenden Barrikaden in Kiews Straßen.

Da das Regierungsviertel weiträumig abgeriegelt ist, konzentrieren sich die Protestler zunehmend auf andere Bereiche in der ukrainischen Hauptstadt. So errichteten Aktivisten neue Posten etwa an der stark genutzten Metrostation Kreschtschati, andere besetzten das Agrarministerium. "Man spürt die Entschlossenheit der Menschen, Janukowitsch weiter die Stirn zu bieten", so Emmerich. Der Protest werde weitergehen, bis der Präsident versteht, dass er seine Blockade-Politik so nicht fortsetzen kann.

Nach offiziellen Angaben kamen bei den Ausschreitungen bisher drei Aktivisten ums Leben, Hunderte wurden verletzt. Im nationalistisch geprägten Westen der Ex-Sowjetrepublik lieferten Demonstranten und Sicherheitskräfte blutige Auseinandersetzungen. In Tscherkassy wurde eine junge Frau beim versuchten Sturm auf die Gebietsverwaltung schwer verletzt. Die Polizei nahm etwa 60 Demonstranten vorläufig fest.

In Kiew hatten prowestliche Oppositionspolitiker wie der Ex-Boxweltmeister Vitali Klitschko sowie der frühere Parlamentspräsident Arseni Jazenjuk in der Nacht zum Freitag nach Gesprächen mit Staatschef Viktor Janukowitsch ihre Anhänger zur "Waffenruhe" und Geduld aufgerufen. Allerdings reagierten viele Menschen mit Pfiffen und Buhrufen auf die Bitte. Zuvor hatte das prorussische Machtlager leichte Zugeständnisse angedeutet.

Für kommende Woche kündigte Janukowitsch eine Kabinettsumbildung an. Auch die erst vor einer Woche beschlossene Verschärfung des Demonstrationsrechts solle geändert werden. Gemeinsam mit den Oppositionsführern solle es unter seiner Führung einen Runden Tisch geben, sagte Janukowitsch. "Ich werde alles tun, was ich kann, um diesen Konflikt zu beenden, um die Gewalt zu stoppen." Damit zeichnete sich nur einen Tag nach der gescheiterten Kompromisssuche von Opposition und Regierung ein Kurswechsel des Präsidenten ab.

Fünfstündiges Krisengespräch brachte keinen Durchbruch

Ein fünfstündiges Krisengespräch am Donnerstagabend hatte nach Angaben der Opposition keinen Durchbruch in dem Machtkampf gebracht. Für heute wird auch EU-Erweiterungskommissar Stefan Füle zu Vermittlungen in der ukrainischen Hauptstadt erwartet. Die Ukraine ist das wichtigste Transitland für russische Gaslieferungen in die Europäische Union.

Das Parlament im Nachbarland Polen verurteilte in einer Erklärung die Eskalation der Gewalt scharf. Gleichzeitig riefen die Abgeordneten aller Fraktionen die Konfliktparteien zum Dialog und zu einer friedlichen Lösung auf. In Russland beriet Kremlchef Wladimir Putin die Lage im "Bruderstaat" mit dem Sicherheitsrat.

Die Opposition in Kiew nutzt die besetzten öffentlichen Gebäude als Rückzugslager sowie angesichts von tiefen Minustemperaturen zum Aufwärmen. Bei eiskalten Temperaturen harrten in der Nacht erneut Tausende Menschen auf dem Unabhängigkeitsplatz - dem Maidan - aus, den Regierungsgegner seit Monaten besetzt halten.

Die Proteste waren ausgebrochen, nachdem Janukowitsch Ende November auf Druck Russlands ein historisches Annäherungsabkommen mit der Europäischen Union auf Eis gelegt hatte. Die Verabschiedung der umstrittenen Gesetze zur Versammlungs- und Pressefreiheit hatte Mitte Januar die Demonstrationen weiter angefacht.