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RTL-Reporter Dirk Emmerich in Ägypten: "Tag der Entscheidung in Kairo"

RTL-Reporter Dirk Emmerich in Ägypten: "Tag der Entscheidung in Kairo"

22 Tote in der Nacht

"Mursi, geh, du bist nicht unser Präsident" - auch am Vormittag nach der blutigsten Nacht, die Kairo in den letzten zweieinhalb Jahren erlebt hat, schallen bereits wieder Sprechchöre über den Tahrir-Platz. Zehntausende hatten hier den gesamten Abend protestiert und den Rücktritt des Präsidenten gefordert, erst zum Sonnenaufgang wurden es weniger.

Proteste auf dem Tahrir-Platz in Kairo.
Noch verlaufen die Proteste auf dem Tahrir-Platz in Kairo friedlich.

Nach einer kurzen Atempause strömen inzwischen wieder Menschen hierher auf den zentralen Platz der City. In den Seitenstraßen haben die Demonstranten improvisierte Checkpoints eingerichtet. Sie wollen nicht, dass es hier zu Gewalt kommt.

Im Universitätsviertel von Kairo war dies in der vergangenen Nacht nicht gelungen. Die Lage eskalierte, nachdem Gegner und Anhänger von Mursi aufeinander losgegangen waren. 16 Tote und über 200 Verletzte. Immer wieder waren die Sirenen von Krankenwagen zu hören und das Blaulicht von Einsatzfahrzeugen zu sehen. Bei Zusammenstößen in anderen Städten Ägyptens gab es weitere sechs Tote.

Auslöser für die blutigen Krawalle war eine Rede von Präsident Mursi, die im Staatsfernsehen übertragen wurde. Ein Affront für die Demonstranten: Kein Rücktritt, kein ernstgemeintes Zugehen auf die Opposition, sondern Durchhalteparolen. "Das Volk hat mich in freien und gleichen Wahlen gewählt. Unter Einsatz meines Lebens werde ich weiter Verantwortung für dieses Land übernehmen." Das Rücktritts-Ultimatum der Opposition hatte er da schon ergebnislos verstreichen lassen.

Der Auftritt im Fernsehen am Abend wirkte dann wie Öl ins Feuer der Unzufriedenheit. Nicht er, sondern die "Überbleibsel des alten Regimes" von Husni Mubarak seien schuld an den Missständen im Land. Diese Elemente würden den Zorn der ägyptischen Jugend missbrauchen, die "alte kriminelle Clique" wolle über Gewalt und Chaos an die Macht zurückkehren. Das Militär solle zu seinem normalen Dienst zurückkehren.

Auch das Oberkommando der Streitkräfte sah sich durch die Rede brüskiert und erklärte postwendend über Facebook, die Soldaten seien ebenfalls bereit, für das ägyptische Volk zu sterben.

Militär-Ultimatum läuft um 17 Uhr aus

Opposition fordert Rücktritt von Mohammed Mursi
Die Opposition fordert den sofortigen Rücktritt von Präsident Mohammed Mursi.

Nach dem gestrigen Ultimatum der Opposition läuft heute um 17 Uhr ein weiteres, entscheidenderes Ultimatum der Armeeführung aus. Bis zu diesem Zeitpunkt müssen sich beide Seiten – Regierung und Opposition – auf einen tragfähigen politischen Kompromiss einigen. Nach der Eskalation der letzten Tage und vor allem nach der Rede Mursis im Fernsehen deutet nichts aber auch gar nichts daraufhin, dass dies gelingt. Verstreicht diese Frist ohne Ergebnis, will das Militär einschreiten und seinerseits einen "Fahrplan für die Zukunft" präsentieren.

Wie der aussehen könnte, ist noch unklar. Mehrere Optionen werden diskutiert. Schnelle Einsatztruppen könnten in Kairo und anderen Großstädten eingesetzt werden, um für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Das Militär könnte Mursi des Amtes entheben und die Macht in die Hände einer Übergangsregierung legen, um dann Neuwahlen anzusetzen. Oder aber, auch das ist eine ernste Option, das Militär übernimmt direkt selbst die Macht.

Mursi hat seinen Kredit verspielt. Die Menschen werfen ihm nicht nur die Islamisierung der ägyptischen Gesellschaft vor, sondern vor allem die Art und Weise wie er die Macht für sich und seine Interessen missbraucht. Ähnlich wie Mubarak gehe es ihm nicht um Ägypten, sondern nur um sich selbst.

In diesen Tagen sind inzwischen mehr Menschen auf den Straßen von Kairo unterwegs als damals vor zwei Jahren im Januar, als sie Mubarak nach 18 Tagen aus dem Amt gejagt hatten. Die Ägypter suchen eine zweite Chance für den Arabischen Frühling und endlich eine politische Führung, die ihr Land nicht länger als Trophäe im Machtpoker der eigenen Interessen begreift. Der Weg dahin ist lang.

Heute geht es erst einmal um Mursi. Die nächsten Stunden werden entscheidend.