RTL-Reporter Dirk Emmerich berichtet über die Räumung der Al-Fath-Moschee

06. September 2013 - 13:59 Uhr

Ausländische Journalisten werden bei der Arbeit behindert

"Das sind keine Moslems, das sind Terroristen... Sie zerstören unser Land, sie sind nicht mit Allah" ruft aufgebracht eine vollverschleierte Frau. Sie meint nicht die Armee, sondern die Moslembrüder. Wenige Sekunden später flüchtet sie mit vielen anderen in eine der Seitenstraßen rund um die Al-Fath-Moschee am Ramses-Platz. Es wird erneut scharf geschossen, wie so oft an diesem Tag.

Räumung der Al-Fath-Moschee
Bei der Räumung der Al-Fath-Moschee gab es auch Verletzte.
© dpa, Ahmed Assadi

Die Sicherheitskräfte haben im Minarett der Moschee bewaffnete Islamisten entdeckt, die nun ihrerseits das Feuer erwidern. Über 20 Minuten dauert das heftige Feuergefecht. Wie durch ein Wunder wird niemand getötet.

Die Al-Fath-Moschee ist einer der ältesten und bekanntesten in Ägypten. Nach dem Freitagsgebet war es hier zu schweren Auseinandersetzungen zwischen Moslembrüdern und Sicherheitskräften gekommen. Mindestens 20 Menschen wurden getötet. 700 Moslembrüder und deren Anhänger hatten noch am Freitag Zuflucht in der Moschee gefunden. Ein Teil ist bewaffnet und verbarrikadiert sich.

Am Samstag haben sich mehrere tausend Mursi-Gegner vor der Moschee und auf dem Ramses-Platz versammelt, um eine Räumung des Gotteshauses zu verlangen. Die Sicherheitskräfte haben die Moschee umstellt, die Zufahrtsstraßen sind mit Panzern und Stacheldraht versperrt. Die Stimmung ist gereizt. An vielen Ecken wird laut diskutiert und gestikuliert.

Ausländische Journalisten haben es schwer an diesem Tag. Sie werden immer wieder beschimpft und an der Arbeit gehindert. "Ihr seid Agenten und Handlanger der Islamisten und Amerikaner. Verpisst Euch!" Immer wieder bilden sich schnell ein bis zwei Dutzend Mann starke Gruppen um westliche Reporter und beginnen sie abzudrängen, zu bedrohen und zu schlagen.

Das ägyptische Fernsehen hatte in den Tagen zuvor wiederholt berichtet, im Westen werde das Vorgehen des Militärs gegen die Moslembrüder und die Inhaftierung des gestürzten Präsidenten Mursi kritisiert. In den Augen vieler Ägypter heißt das im Umkehrschluss, der Westen stehe nun auf der Seite Mursis und der Moslembrüder.

An eine Versöhnung mag niemand mehr glauben

Über 24 Stunden dauert die Belagerung der Al-Fath-Moschee in dieser extrem aufgeheizten Atmosphäre. Immer wieder gibt es Feuergefechte und ängstlich flüchtende Menschen.

Am Abend schließlich beginnen Sicherheitskräfte mit einer Erstürmung. Es wird Tränengas eingesetzt und erneut geschossen. Eine halbe Stunde später ist die Lage dann unter Kontrolle. Zahlreiche Islamisten werden festgenommen. Ein Teil der Menschen darf die Moschee aber auch verlassen. Keine Informationen gibt es darüber, ob und wie viele Waffen beschlagnahmt werden oder ob es den Islamisten vielleicht sogar gelungen ist, Waffen aus der Moschee herauszuschleusen.

Eine der blutigsten Wochen der jüngeren Geschichte geht zu Ende. Die genaue Zahl der Toten und Verletzten ist noch immer nicht bekannt. Vielleicht werden wir sie nie erfahren.

Sechs Wochen nach dem Sturz von Präsident Mursi haben sich die Gräben in der Gesellschaft so vertieft, dass an eine Verständigung oder gar eine Versöhnung der beiden großen Lager niemand mehr glauben mag.

Immer klarer wird auch, dass auch die Übergangsregierung von Präsident Mansur die Ausübung von Macht als etwas begreift, bei dem es vor allem darum geht, politische Opponenten zu vernichten. So ist auch die Ankündigung zu verstehen, dass die Regierung erwägt, die Moslembruderschaft als Organisation vollständig zu verbieten. Premier Al-Beblawi begründet diese Überlegungen damit, dass eine Versöhnung mit Kräften, die den ägyptischen Staat zerstören wollten, unmöglich sei.

Doch so wird Ägypten kaum vorankommen.

Das Land droht immer mehr in einen Bürgerkrieg abzugleiten.