RTL-Medizinexperte Dr. Specht ordnet ein

Stecken wir schon mitten in der "Corona-Dauerwelle"?

30. Juni 2020 - 12:25 Uhr

Erste Welle, zweite Welle... Dauerwelle?

Christian Drosten sagt, die zweite Welle kommt im Herbst. Laut Hendrik Streeck wird es sie nicht geben. Er spricht hingegen lieber von einer "Dauerwelle". Deutschlands Top-Virologen sind sich uneins. Müssen wir uns im Zuge kälterer Temperaturen auf eine zweite Corona-Welle einstellen? Oder stecken wir längst in einer kontinuierlichen Dauerwelle, die mal hoch und mal runtergeht? Woran lässt sich das festmachen? Und was bedeutet das alles für uns? RTL-Medizinexperte Dr. Christoph Specht ordnet ein.

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Was meint Streeck mit der "Dauerwelle"?

"Wir müssen lernen, mit Sars-Cov-2 zu leben." Das kündigte Virologie-Professor Hendrik Streeck von der Uni Bonn bereits am Anfang der Corona-Pandemie an. Konkret bedeutet das: Das Coronavirus wird nach seiner Hochphase nicht plötzlich wieder verschwinden, sondern "wir werden mit Corona lange lange Zeit leben müssen", erklärt RTL-Medizinexperte Dr. Christoph Specht. "Lang heißt hier über viele viele Monate, vermutlich Jahre – allerdings in unterschiedlichem Ausmaß."

Laut Streeck wird das aber nicht in einer sogenannten zweiten oder dritten Welle passieren, bei der wir noch mal einen solch enormen Corona-Ausbruch wie den im März und April erleben würden, sondern eher in einer Art Dauerwelle, bei der die Infektionszahlen immer mal wieder hoch- und runtergehen.

Auch Specht glaubt nicht an eine zweite Welle in den nächsten ein bis zwei Monaten. "Ich glaube eher, dass wir immer wieder einzelne lokale Ausbrüche sehen werden, wie jetzt zum Beispiel in Gütersloh."

Grafik Dauerwelle
Bei der von Hendrik Streeck angekündigten Dauerwelle gehen die Infektionszahlen mal hoch und mal wieder runter, es kommt aber nicht zu einem erneuten Corona-Ausbruch wie im März/April.
© RTL

Gehen wir zu locker mit Corona um?

Trotz aktueller lokaler Ausbrüche wie im Kreis Gütersloh und dem anschließenden Lockdown scheint der Umgang mit Corona an vielen Stellen lockerer geworden zu sein. Die Zahlen gehen runter, die Krankenhäuser werden leerer und das Leben läuft wieder mehr in normalen Bahnen. Zwar tragen wir Maske im öffentlichen Nahverkehr, Restaurants und Geschäften, doch die Cafés und Plätze werden angesichts des warmen Wetters voller, erste Reisen werden angetreten und Abstand wird immer schwerer einzuhalten. Laut einer aktuellen Umfrage haben drei Viertel der Deutschen keine Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus. Gehen wir zu locker mit Corona um?

Dass viele Menschen aktuell wenig Angst vor einer Ansteckung haben, liegt daran, dass man die Corona-Pandemie nicht mehr so stark sieht, erklärt Specht. "Es ist schwer zu verstehen, dass wir auf der einen Seite momentan ganz geringe Neuinfektionszahlen haben, dass wir ganz viele Menschen haben, die Corona zwar hatten, aber relativ wenig Symptome hatten, und auf der anderen Seite zu verstehen, dass sich diese Situation aber ganz schnell ändern kann." 

Welche Rolle wird Corona in nächster Zeit für uns spielen?

Zwar glaubt Specht nicht, dass die Zahlen in den nächsten Wochen und Monaten drastisch ansteigen werden, aber im Herbst und Winter kann es passieren. "Ganz einfach, weil es dann kalt ist, wir sind mehr drinnen, also in schlecht belüfteten Räumen und da fühlt sich das Virus wohl, da wird es übertragen."

Darum mahnt er: "Es ist wichtig, dass wir die Maßnahmen weiter einhalten. Zwar können wir uns draußen bewegen, da müssen wir auch nicht überpäpstlich sein und Masken im Freien tragen, aber gerade wenn die Temperaturen wieder runtergehen, dann werden diese Maßnahmen noch wichtiger werden, als sie jetzt sind."

Wir haben die Maßnahmen, damit die Zahlen niedrig bleiben und es zu keinem erneuten Ausbruch wie im Frühjahr kommt, betont Specht. Dennoch: "Es wäre völlig falsch anzunehmen, wir hätten das Virus überstanden."

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