Exklusives Interview zur DFB-Elf

RTL-Experte Jürgen Klinsmann: „Um Gnabry und Sané würden sich alle reißen“

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20. November 2019 - 12:25 Uhr

von Tobias Nordmann und Stefan Giannakoulis

Die EM-Qualifikation meistert sie als Tabellenerster sehr souverän. Den Umbruch setzt sie trotz vieler Widrigkeiten fort: Das Jahr 2019 verbucht Jürgen Klinsmann für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft als Erfolg. Einen Wert für das EM-Jahr lässt sich aus den jüngsten Erfolgen aber nicht ableiten, sagt der der ehemalige Bundestrainer. Aber anders als Joachim Löw ruft der 55-Jährige für das kommende Jahr den Titel aus. Warum das so sein muss, hat er im exklusiven Interview erläutert. Außerdem analysiert er, in welchen Mannschaftsteilen es Probleme oder gar Luxusprobleme gibt.

Frage: Herr Klinsmann, als wir im März, kurz vor dem ersten Länderspiel der DFB-Elf nach dem total verkorksten Jahr 2018 miteinander gesprochen haben, haben Sie gesagt: Die Mannschaft müsse jetzt Signale setzen. In der Spielweise, in der Leidenschaft, im Engagement und im Tempo. Welche Signale haben Sie nun, wo das Jahr vorbei ist, wahrgenommen?

Jürgen Klinsmann: Es war das erste komplette Jahr des Umbruchs, des Neuanfangs. Aber es war eben auch ein Jahr der Wiedergutmachung, denn das Fiasko in Russland bei der Weltmeisterschaft war ja schon herb. Aber ich denke, dass vieles von dem, was sich Jogi und sein Team vorgenommen haben, auch umgesetzt wurde. Die Mannschaft wurde komplett verjüngt und mit den drei nun nicht mehr berücksichtigten Superstars wurden so auch Konsequenzen gezogen.

Reden wir aber über das Fußballerische. Welche Signale haben Sie auf dem Platz bei der Mannschaft wahrgenommen?

Die Mannschaft versucht ideenreich und temporeich zu spielen. Und Jogi versucht dabei die richtige Mischung zu finden. Also würde ich sagen, dass 2019 schon ein erfolgreiches Jahr für das Team war. Auch wenn es natürlich noch viele Fragezeichen gibt. Aber das ist ja normal, es sind viele junge Spieler dazugekommen und da bildet sich nun eben eine neue Hierarchie raus.

 DFB Nationalmannschaft Maenner, Männer, Fussball, EM Qualifikation, Gruppe C , Deutschland vs Nordirland, 19.11.2019, CommerzbankArena Frankfurt am Main Deutschland, torjubel *** DFB National Team Men, Men, Football, European Championship Qualificat
Die deutsche Mannschaft überzeugte in der EM-Qualifikation und hat sich als Gruppenerster für das Turnier 2020 qualifiziert.
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Klinsmann: „Wir gehören in die Weltspitze“

Der Bundestrainer ist bei der Bewertung der eigenen Einschätzung in den vergangenen Wochen sehr zurückhaltend: Sie halten Deutschland aber weiter für eine der Top-Sechs-Nationen?

Absolut. Wir gehören in die Weltspitze. Wir gehören da automatisch rein. Durch unsere Liga. Durch unsere Kultur. Durch unsere Erfolge. Man kann jetzt die Erwartungen ein bisschen runterschrauben und sagen, wir gehören nicht zu den besten vier Nationen. Das ist nachvollziehbar im Moment. Aber ich sage dir ganz ehrlich: Du wirst keinen deutschen Spieler erleben, der in die EM geht und sagt, wenn wir ins Halbfinale kommen, bin ich happy. Das gibt es nicht. Jeder deutsche Spieler, jeder Trainer, jeder Fan startet mit dem Ziel in das Turnier, den Titel zu gewinnen. Das ist einfach in unserer DNA drin. Und wenn das Ding einmal angelaufen ist, dann gibt es eh kein Zurück mehr!

13.11.2019, Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf: Fußball: Nationalmannschaft, vor dem EM-Qualifikationsspiel gegen Weißrussland: Die Torhüter Marc-Andre ter Stegen (l) und Manuel Neuer nehmen am Training teil. Die Mannschaft bereitet sich in Düsseldorf a
Marc-André ter Stegen und Manuel Neuer: Die DFB-Elf ist vor allem auf der Torhüterposition erstklassig besetzt.
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Klinsmann: „Das Thema Mats Hummels läuft nicht davon“

Gehen wir mal die einzelnen Mannschaftsteile durch. Im Tor gibt es mit Manuel Neuer und Marc-André ter Stegen kein Problem, oder?

Nein, überhaupt kein Problem.

Im Gegensatz zur Abwehr, Stichwort "gestandene Profis".

Die Frage, ob Niklas Süle noch zurückkommt, ist sicherlich ein wichtiges Thema. Das beschäftigt dann auch die Medien bis zum Sommer. Schafft er's noch, kriegt er noch die Kurve? Ansonsten muss Löw halt Lösungen finden. Was sehr erschwerend war für den Trainerstab in diesem Jahr 2019, das waren die vielen Absagen. Es ist einfach schwierig, mit so vielen Absagen umzugehen. Da hoffe ich, dass schon im März die Zeichen auch kommen von allen Clubs: Wenn einer einigermaßen fit ist, dann kommt er auch zur Nationalmannschaft. Es gibt ja nur noch vier Vorbereitungsspiele. Die Abwehr ist sicherlich eine Baustelle, die wird spannend. Aber wir haben in diesem Jahr eine tolle Entwicklung der beiden Leipziger Marcel Halstenberg und Lukas Klostermann gesehen. Das finde ich spannend. Da siehst du zumindest, da ist ein bisschen Stabilität reingekommen, auch mit Nico Schulz auf der linken Seite.

Was ist mit Mats Hummels?

Die Karte hat der Bundestrainer ja immer noch in der Hinterhand. Er kann jetzt alles so laufen, sich so entwickeln lassen bis zur Nominierung des Kaders im Mai. Das Thema Mats läuft ihm nicht davon. Wenn er ihn braucht: Das ist ein Anruf.

Und dann kommt Hummels auch, wenn er angerufen wird?

Das müssen die beiden unter sich ausmachen. Ich weiß ja nicht, was da war und was die Gründe für Jogis Entscheidung sind. Aber ich denke, die Möglichkeit gibt es immer noch. Bis dahin kann er sehen, wer entwickelt sich wohin? Wie findet sich das Ganze? Bevorzugt er eine Viererkette oder sogar eine Dreierkette? Das ist ja auch eine taktische Überlegung: Wie baue ich dann den Kader zusammen? Ja, das wird spannend. Das Thema Innenverteidigung wird uns noch das nächste halbe Jahr begleiten.

Sie haben es angesprochen: Dreier- oder Fünferkette? Das hat ja auch Auswirkungen aufs Mittelfeld. Wenn Joshua Kimmich und Toni Kroos als Führungsspieler gesetzt sind, bleibt ja noch die Frage: Ilkay Gündogan oder Kai Havertz. Wie kann man das Problem lösen?

Also eigentlich ist das gar kein Problem. Es ist eine tolle Komponente, mehrere Leute auf wirklich sehr, sehr hohem Niveau zu haben. Das Schöne an ihnen ist, vor allem an Havertz: Er kann nach vorne rücken und die offensivere Rolle spielen. Er kann aber auch ganz vorne mal reinrücken. Gündogan ist mehr der Spielgestalter, er lässt sich immer wieder fallen. Wie sie zuletzt gespielt haben, das ist allerhöchstes Niveau. Da musst du erst mal einen Gegner finden, der solch ein Mittelfeld hat. Da können wir ruhig mal schauen: Spanien, Frankreich, England - was haben die da zu bieten? Die Dreierachse mit Gündogan, Kroos und Kimmich ist Weltklasse. Und das Schöne ist, egal wo Havertz eingesetzt wird, ob im Mittelfeld oder vorne: Er ist ja noch in der Entwicklung.

LONDON, ENGLAND - AUGUST 04: Leroy Sane of Manchester City receives medical attention during the FA Community Shield match between Liverpool and Manchester City at Wembley Stadium on August 04, 2019 in London, England. (Photo by Michael Regan/Getty I
Hat sich im August schwer verletzt: Leroy Sané will bis zur EM wieder fit sein.
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Klinsmann: „Wir haben ein Problem, wenn Sané verletzt ist“

Und der Angriff?

Mit Leroy Sané hast du einen Mega-Spieler. Es ist entscheidend, dass er zurückkommt. Es ist ja das Gleiche, wenn jetzt Kylian Mbappé verletzt ist. Dann hat Frankreich auch ein Problem. Wir haben ein Problem, wenn der Sané verletzt ist. Das ist doch normal. Wenn Kroos ausfällt, haben wir auch ein Problem. Wenn Paul Pogba bei Frankreich ausfällt, haben die eben ein Problem. Es gibt in jeder Mannschaft Schlüsselspieler. Frankreich wurde Weltmeister mit den Schlüsselspielern Pogba und Mbappé. Diese Achse hat sie großgemacht, die Umsetzung hat es ausgemacht. Nimmst du einen weg, ist Frankreich auf einem ganz anderen Niveau. Dann werden sie nämlich nicht Weltmeister.

Reicht das schon für die EM?

Wie weit die Mannschaft dann im nächsten Sommer ist, das wird die Europameisterschaft zeigen. Vielleicht ist es zu früh. Aber dennoch, um auf die erste Frage zurückzukommen: Du musst in eine EM gehen mit der eigenen Erwartung "Ich will das Ding gewinnen." Egal ob du 19 Jahre alt bist oder 30. Manuel Neuer wird nicht in das Turnier gehen und sagen: Halbfinale wäre toll. Das geht halt nicht. Oder Kroos, oder Gündogan. Die sagen: Wir machen das Ding jetzt - und zack.