RTL-Chefkorrespondentin Antonia Rados interviewt Präsident Erdogan

15. August 2016 - 12:18 Uhr

Flüchtlingsdeal nur im Gegenzug für Visa-Freiheit

Vier Wochen nach dem Putschversuch ist die Türkei nicht mehr das Land, das es vorher war. Präsident Erdogan nutzt die Gelegenheit, die Türkei konsequent umzubauen - weg vom Säkularismus, hin zu einem islamisch-konservativen Staat, mit ihm als starkem Mann an der Spitze.

In dieser Umbruchsphase ist es RTL-Chefkorrespondentin Antonia Rados gelungen, ein Interview mit dem türkischen Staatschef zu führen. In dem Gespräch machte Erdogan klar, dass der Flüchtlingsdeal nur im Gegenzug für Visa-Freiheit im Schengenraum weitergeführt werde. Erdogan: "Insbesondere ist natürlich das Rücknahmeabkommen und die Visa-Liberalisierung sehr wichtig. Das sind natürlich gleichzeitig zu tätigende Schritte. Und Europa hat leider sein Versprechen nicht gehalten in diesem Zusammenhang."

"Hätte mir mehr Solidarität gewünscht"

Erdogan zeigte sich enttäuscht von Europa. Bundeskanzlerin Angela Merkel hätte sich erst drei Tage nach dem Putschversuch gemeldet, im Gegensatz zum russischen Präsidenten Wladimir Putin, der umgehend angerufen hätte. Die Europäer hätten die Türkei im Stich gelassen. Er hätte sich mehr Solidarität gewünscht. Erdogan: "Gegenüber einem Putsch-Versuch hätte ich mir gewünscht, dass Europa auf der Seite der Türkei steht. Genauso, wie man in Paris zusammengekommen ist, wie man dort kondoliert hat, hätte man auch in die Türkei sicherlich Vertreter schicken sollen."

Erdogan kritisierte zudem die deutsche Justiz. Bei der Großkundgebung in Köln hatten Gerichte eine Live-Übertragung einer Rede Erdogans untersagt. Der türkische Präsident sagte, erhalte die deutschen Gerichte nicht für unabhängig: "Ich glaube nicht an die deutsche Justiz und habe auch keinen Respekt vor der deutschen Justiz in diesem Zusammenhang."

Rados erlebte Erdogan als einen selbstbewussten Präsidenten, der weiter auf die Möglichkeit einer Wiedereinführung der Todesstrafe bestand. "Wir sprechen von einem Land, in dem 240 Menschen getötet wurden. Und auf dieser großen Kundgebung in Istanbul haben fünf Millionen Menschen teilgenommen und all diese Menschen haben gemeinsam gerufen: 'Todesstrafe', 'Todesstrafe', 'Todesstrafe'." Wenn das Parlament also einen entsprechenden Entschluss fassen sollte, werde er ihn unterschreiben, sagte Erdogan.