Rosberg mit riskantem Boxenstop zum Triumph

22. September 2015 - 10:11 Uhr

Von Steffen Kosuch

Am vergangenen Wochenende gelang es Nico Rosberg wieder einmal, den WM-Führenden Lewis Hamilton beim Österreich-GP in die Schranken zu verweisen. Zwar ging er das Rennen nach einem Fehler im Qualifying "nur" vom 2. Platz an, konnte seinen Stallrivalen aber bereits beim Start überholen. Ab dann galt es, keinen Fehler zu machen und die Führung bis ins Ziel zu verteidigen. Von außen sah das relativ einfach aus - aber war es das auch? Wir blicken auf die wichtigsten Szenen des Rennens.

Nico Rosberg, Mercedes, Spielberg
Trotz eines riskanten Boxenstops durfte Nico Rosberg in Spielberg jubeln.
© imago/HochZwei, imago sportfotodienst

Rennstart und Safety Car

Natürlich war es für den Verlauf des Rennens maßgeblich, dass Rosberg den Start gegen Hamilton gewann. Während es in Kurve 1 kommt noch darauf ankommt, welche Linie man wählt, war spätestens nach Kurve 2 klar, dass der Deutsche die Führung von seinem Teamkollegen übernimmt. Hamilton gab sich damit aber natürlich nicht zufrieden und versuchte, gleich in den folgenden Kurven zu kontern. Weil der Unfall von Fernando Alonso und Kimi Räikkönen aber schon in Runde 1 eine Safety-Car-Phase auslöste, wurden Hamiltons Angriffe zunächst einmal unterbunden. Die Folge: Bis zum Ende der 6. Runde hatte Rosberg ausreichend Zeit, um sich zu sammeln.

Restart nach dem Safety Car

Eine der besten Momente für einen Angriff von Hamilton war der Restart nach der Safety-Car-Phase, einem Zeitpunkt, vor dem die Fahrer gleich mehrere Dinge beachten müssen: Einerseits dürfen die Bremsen- und Reifentemperaturen trotz Bummeltempo nicht zu niedrig werden. Andererseits sollte das ERS komplett aufgeladen sein und ein Auge auf den Benzinverbrauch geworfen werden, schließlich will man für den Rest des Rennens weder ein zu schweres Auto haben noch unnötig Benzin sparen müssen.

Ist man mit all diesen Parametern im grünen Bereich, gilt es, wenn die Rennleitung das Rennen wieder frei gibt, einen möglichst großen Abstand zum Verfolger zu haben, dabei aber nicht Gefahr zu laufen, den eigenen Start zu verschlafen. Oder gibt es sogar die Chance den Verfolger soweit einzubremsen, dass der Dahinterfahrende in eine Angriffsposition kommen kann? Aus taktischer Sicht ist vieles denkbar, ob man es aber in der Eile des Gefechts auch umsetzen kann, ist eine andere Frage. Rosberg meisterte diese Rennphase jedenfalls perfekt und konnte sich sogar gleich etwas von seinem Teamkollegen absetzen, Hamilton also außerhalb des DRS-Fensters von einer Sekunde Abstand bringen.

Erster Stint bis zum Boxenstop

Hat man den Gegner einmal außerhalb dieses DRS-Fensters, so gilt es nicht nur, konstant schnell um die Strecke zu fahren und möglichst viel Abstand zum Hintermann aufzubauen. Die Fahrer achten auch permanent auf den Benzinverbrauch und stellen sicher, dass die Bremsentemperatur im optimalen Bereich ist. Wichtig ist zudem, dass die Reifen nicht zu sehr gefordert werden, sonst kann man eventuell die gewünschte Rennstrategie nicht umsetzen und muss gegebenenfalls einen zusätzlichen Boxenstop einplanen. Ein weiterer Faktor sind zu überrundende Fahrer, die Zweikämpfe mit dem unmittelbaren Gegner auf der Strecke beeinflussen können.

Boxenstop - nur einer in Österreich

Eine besonders kritische Phase sind naturgemäß die Boxenstops. Auch wenn in Österreich bei der gängigen Strategie nur einmal die Box angefahren wird, müssen die Fahrer dabei einiges beachten. Etwa zwei Runden vor dem Stop versucht der Pilot, noch einmal alles aus den Reifen herauszuquetschen. Geht es dann zum Boxenstop, müssen bei der Einfahrt zur Boxengasse je nach Rennstrecke eine weiße Linie und/oder ein Pylone beachtet werden. Dabei müssen die üblichen Richtlinien beachtet werden: In der eigentlichen Boxengasse gilt eine Geschwindigkeitsbegrenzung von meist 80 km/h, die Rosberg in Spielberg auf der allerletzten Rille anbremste.

Die Anfahrt zur Box ist aus mehreren Gründen extrem wichtig: Natürlich wollen die Fahrer keine Zeit verlieren, müssen aber auch punktgenau zum Stehen kommen und dabei die wartenden Mechaniker nicht verunsichern oder gar gefährden. Diverse Motor- und ERS-Einstellungen werden bereits vor dem Stop verstellt, während des Halts gilt es, den ersten Gang einzulegen, die Kupplung am Druckpunkt zu halten und dabei natürlich die Drehzahl zu kontrollieren.

Sobald das Signal zum Losfahren kommt (die Boxenmannschaft achtet natürlich darauf, kein 'unsafe release' zu machen, also kein eventuell herannahendes Auto zu behindern), wird zuerst wieder auf die Geschwindigkeitsbegrenzung und dann ab Ende der Boxengasse ohne Beschränkung beschleunigt. Wenn es zurück auf die Rennstrecke geht, müssen die Fahrer noch aufpassen, dass die weiße Linie, welche die Boxenausfahrt von der Rennstrecke trennt, nicht überfahren wird - eine klare Vorgabe, die Hamilton in Spielberg missachtete. Als logische Folge bekam der WM-Leader von der Rennleitung eine 5-Sekunden-Strafe aufgebrummt, die ihn noch weiter ins Hintertreffen brachte.

Zurück zum Reifenwechsel, bei dem nicht nur der Fahrer und die Mechaniker, sondern auch die Strategen gefragt sind, schließlich muss die Entscheidung gefällt werden, in welcher Runde ein Fahrer überhaupt zum Boxenstop reinkommen soll und welche Reifen aufgezogen werden sollen. Die Strategen des Rennteams müssen dabei gleich mehrere Parameter abwägen, die eine Rennstrategie entscheidend beeinflussen: In welchen Zustand sind die gerade verwendeten Reifen? Wie lange dauert das Rennen noch? Mit wie vielen Stops wird überhaupt geplant? Wie entwickelt sich das Wetter? Wie groß sind die Abstände zu den Konkurrenten? Wieviel Zeit verliert man bei einem Stop und auf welcher Strategie sind die anderen Teams unterwegs? Das sind nur einige Fragen, die sich die Strategen vor Augen führen müssen.

Blickt man aus strategischer Sicht auf Rosbergs Boxenstop in Österreich, war der Zeitpunkt des Boxenstops von Rosberg durchaus interessant. Zwar hatte er als Rennführender gegenüber Hamilton den Vorteil der ersten Wahl des Boxenstops, das Team holte ihn aber trotzdem zu einem Zeitpunkt rein, als klar war, dass der Mercedes-Pilot nach seinem Stop wenige Sekunden hinter Felipe Massa wieder zurück auf die Strecke kommen würde. Und das war mit Risiken verbunden: Wäre Massa in der folgenden Runde nicht selbst zum Stop abgebogen, hätte er Rosberg durchaus einige Zeit aufhalten können - Zeit, die dann wiederum eventuell Hamilton geholfen hätte, mittels einiger schneller Runden doch noch so viel Zeit gutzumachen, dass er nach seinem eigenen Stop vor Rosberg bleiben könnte.

Ende des Rennes

Als gegen Ende des Rennens niemand noch mit Überraschungen rechnete - außer natürlich den Teamstrategen, die immer auf Safety-Car-Phasen oder Wetterumschwünge vorbereitet sein müssen - gab es noch einen Aufreger: Rosberg meldete Vibrationen, die gegen Rennende nicht selten wegen nachlassenden Bremsen oder abbauenden Reifen auftreten. Als Anzeichen eines möglichen Ausfalls sind solche Meldungen nicht auf die leichte Schulter zu nehmen - in diesem Fall erwiesen sich die Befürchtungen aber als unbegründet.

Die Telemetrie-Daten des Teams deuteten eher auf den Reifen hin, jedoch schien es noch im kontrollierbaren Bereich zu sein. Mit der 5-Sekunden-Strafe für Hamilton im Hinterkopf nutzte Rosberg seinen Vorsprung geschickt aus, um sein Auto noch mehr als ohnehin schon zu schonen und überquerte nach 71 Runden als verdienter Sieger des F1-Rennens von Österreich die Ziellinie.