Rooney köpft England zum Gruppensieg

© dpa, Lindsey Parnaby

31. Oktober 2013 - 16:14 Uhr

In einem erst todlangweiligen, dann hochspannenden Spiel hat sich England mit viel Glück 1:0 gegen die Ukraine durchgesetzt. Wayne Rooney (48.) köpfte die 'Three Lions' nach Patzer von Keeper Andrej Pjatow zum Gruppensieg. Die EM-Gastgeber wurden von Schiedsrichter Viktor Kassai um einen Treffer bestohlen, letztlich waren sie vor dem Tor aber auch zu ungefährlich. Im Viertelfinale trifft England auf Italien, die Ukraine ist wie Polen als Gastgeber vorzeitig ausgeschieden.

19.52 Uhr. Und die Ukraine stand still. Stürmerstar Andrej Schewtschenko klagte über Knieprobleme und stand deshalb nicht in der Startelf. Ex-Bundesliga-Spieler Andrej Woronin wurde dagegen von Trainer Oleg Blochin persönlich auf die Bank gesetzt. Des einen Leid ist des anderen Freud – und England hatte gleich doppelten Grund zur Freude: Nach seiner Sperre kam Rooney zurück in die Startelf. Dafür musste Andy Carroll, der gegen Schweden noch getroffen hatte, raus.

Sofort wurde deutlich: Die Ukraine brauchte einen Sieg. Gegen defensive Briten ging das Spiel nur in die eine Richtung. Mit großem Einsatz und viel Kampf dominierten die Gastgeber, England wirkte nervös. Denis Garmasch hatte die erste Chance: Aus 30 Metern hielt der Offensivmann einfach mal drauf, der Ball flatterte am Ende nur knapp über das Tor (7.). Kurz danach die erste Aktion von Rooney: Der Stürmer von Manchester United hörte da auf, wo er vor seiner Sperre aufgehört hatte, und trat einfach mal seinen Gegenspieler um. So kennen wir ihn, so liebt ihn England.

Vor 48.000 Zuschauern in Donezk spielten die Gelb-Blauen ganz gefällig bis zum Strafraum, doch irgendwie schummelte sich jedes Mal ein Bein dazwischen. So entstand auch die nächste gute Möglichkeit durch eine Einzelaktion: Oleg Gussew zimmerte das Leder von der Strafraumgrenze Zentimeter über die Latte (22.). Eine Minute später fast die Führung für die 'Three Lions': Steven Gerrard zirkelte einen Freistoß so scharf in den Sechzehner, dass Pjatow den Ball irgendwie seltsam mit einer Hand ins Aus schlagen musste. Schon mal vorweg: Nicht die letzte Unsicherheit des Torhüters. England kam allmählich besser in die Partie – und zog auch Rooney mit: Nach Flanke von Ashley Young köpfte der 26-Jährige aber doch recht deutlich neben das Tor (28.).

Mitten in der Drangphase der Engländer die bis dahin beste Chance für die Ukraine: Von rechts ließ sich Andrej Jarmolenko von Ashley Cole nicht stoppen und zielt aufs lange Eck – Joe Hart sicher (30.). Wer ab diesem Zeitpunkt weiter wach blieb, war selber schuld. Bis zur Pause war das Spiel grausamer als die Frisur von Wayne Rooney.

Rooney trifft - Kassai bestiehlt Ukraine

John Terry rettete den Ball für England hinter der Linie.
John Terry rettete den Ball für England hinter der Linie.
© Getty Images, Bongarts

Apropos Rooney: Ausgerechnet das Enfant terrible erzielte direkt nach Wiederanpfiff die Führung. Gerrard tanzte auf rechts Anatoli Timoschtschuk aus, brachte die Flanke eigentlich viel zu nahe vors Tor, doch Pjatow ließ den Ball durchrutschen – Rooney musste auf der Linie stehend nur den Kopf hinhalten. Was für ein Comeback, und ein erfreulicher Auftakt in der zweiten Halbzeit, der Lust auf mehr machte – außer vielleicht den ukrainischen Fans.

Kurz darauf standen Schiedsrichter Kassai und sein Team mehrfach negativ im Mittelpunkt. Erst hatten die Ungarn eine Abseitsstellung übersehen, was jedoch keine Folgen hatte: Artem Milewski köpfte aus hervorragender Position über das Tor (61.). Kurz danach aber eine folgenreiche, doppelte Fehlentscheidung des ungarischen Referee-Teams: Bei einem langen Ball in die Spitze stand erneut ein Ukrainer im Abseits, der das Leder traumhaft auf Marko Devic spielte. Der 28-Jährige schoss nach toller Körpertäuschung freistehend aufs Tor, Hart erwischte den Ball noch, doch der flog im hohen Bogen hinter die Linie, wo John Terry ihn aus der Gefahrenzone knallte (62.). Die Ukrainer außer sich, Trainer Blochin lamentierte pausenlos an der Linie – erfolglos. "Der Ball war einen Meter hinter der Linie, das hat jeder gesehen", so der 59-Jährige.

Doch nun war der EM-Gastgeber noch motivierter. Zwar hatte Cole nach erneuter Unsicherheit von Pjatow mit einer Direktabnahme die Riesenchance zum Ausgleich, doch der ukrainische Keeper bügelte seinen Fehler mit einer Glanztat wieder aus (68.). Danach drückte – beflügelt durch die Einwechslung von Schewtschenko – vorerst nur noch die Blochin-Elf: Einen strammen Schuss von Jewgeni Konopljanka konnte Hart nur mit sehr viel Mühe wegklatschen, die englische Abwehr rettete in höchster Not (73.).

Was wie eine furiose Schlussphase aussah, endete in einer Chancenarmut. Der Ukraine fiel nichts mehr ein, und die Engländer gerieten schließlich nicht mehr wirklich in Bedrängnis. Trotzdem: Der Sieg für die Engländer war glücklich. Das sah auch Blochin so: "Wir waren klar die bessere Mannschaft. Wir hatten die besseren Chancen. Die Schiedsrichter waren schuld, sie haben uns ein Tor gestohlen, das war ein klarer Treffer. Die Engländer hatten Glück."

England-Keeper Hart störte das herzlich wenig und stellte fest: "Das ist eine Tatsachenentscheidung." Die Briten seien "hergekommen, um Spiele zu gewinnen", und nicht etwa schönen Fußball zu spielen. Sein Coach Roy Hodgson war erleichtert: "Zum Glück hat Wayne Rooney getroffen. Ich freue mich über den Gruppensieg, keiner hat das erwartet, das war nicht unserer Anspruch." Rooney war "hoch erfreut, nach so langer Zeit wieder getroffen zu haben". Sein letztes Tor bei einem großen Turnier hatte Rooney bei der EM 2004 in Portugal erzielt.

Damit sind wie bei der Europameisterschaft vor vier Jahren in der Schweiz und Österreich auch bei der EURO in Polen und der Ukraine beide Gastgeber in der Vorrunde ausgeschieden. Dagegen trifft England als Gewinner der Gruppe D im Viertelfinale auf Italien. Beide sind mögliche Halbfinalgegner von Deutschland, die zunächst auf Griechenland treffen.

Daniel Mituta