2018 M06 18 - 12:09 Uhr

Hitzige Debatte: Warum steht Deutschland so offen?

Weltmeister Deutschland steht nach der gruseligen Auftaktpleite gegen Mexiko (0:1) massiv unter Druck. Nur mit Siegen gegen Schweden und Südkorea dürfte ein historisches WM-Aus des Titelverteidigers noch zu verhindern sein – doch die Vorzeichen stehen denkbar schlecht, im deutschen Team entbrennt eine Taktik-Diskussion.

Mats Hummels klagt: "Mit acht Mann nur nach vorne gespielt"

Immer und immer wieder liefen die Mexikaner fast ungestört über den halben Platz, waren vor dem deutschen Tor sogar oft in Überzahl gegen Mats Hummels und Jerome Boateng, die einsam verteidigten. "Warum steht Deutschland hinten so offen?" Das war die – mitunter laute - Frage, die an jedem zweiten Stammtisch in Deutschland aufkam.

Die Frage stellte sich auch Hummels, der gleich nach dem Schlusspfiff in klaren Worten auf Konfrontationskurs gegenüber der Marschroute von Bundestrainer Joachim Löw ging. "Wir haben mit sieben, acht Mann offensiv gespielt, sind immer nur mit Jerome und mir hinten und werden gnadenlos ausgekontert", klagte der Innenverteidiger: "Unsere Absicherung hat nicht funktioniert. Das war wie gegen Saudi-Arabien und längst kein Warnschuss mehr. Wir sind hier bei der WM!"

Mats Hummels: Schlechtes Defensivverhalten "intern oft angesprochen"

June 17, 2018 - Moscow, Russia - Javier Hernandez of Mexico vies Mats Hummels of Germany during the Russia 2018 World Cup Group F football match between Germany and Mexico at the Luzhniki Stadium in Moscow on June 17, 2018. Germany v Mexico: Group F
Eine von vielen brenzligen Situationen: Mats Hummels muss gegen Mexiko zu oft in hoher Not klären
© imago/ZUMA Press, Foto Olimpik, imago sportfotodienst

Mehrfach hatte Mats Hummels nach Kontern in höchster Not retten müssen, beim 0:1 durch Hirving Lozano war es dann plötzlich Mesut Özil, der hinten zu stoppen versuchte, was nicht mehr zu verhindern war.

Die viel zu großen Abstände zwischen Offensive und Defensive habe er "intern oft" angesprochen, "aber es fruchtet nicht", so Hummels.

Er traf damit die Meinung vieler (Stammtisch)-Experten. Vor allem Toni Kroos, Sami Khedira und Rechtsverteidiger Joshua Kimmich fehlten bei einem gefühlten Dutzend Konter der Mexikaner hinten, weil sie noch am gegnerischen Strafraum herumturnten.

Joachim Löw konzentriert sich auf die Offensive

Und Joachim Löw? Der erwähnte im ZDF in fast keinem Wort die Probleme in der Defensive, der Bundestrainer kritisierte stattdessen die fehlende Risikobereitschaft in der Offensive. "Wir hatten nicht das Kombinationsspiel, die Kombinationssicherheit, die ich mir vorstelle. Wir haben nicht mit Mut in die Tiefe gespielt, sind den Bällen nicht konsequent nachgegangen, sondern haben immer wieder zurückgespielt, zurückgespielt und sind eigentlich nicht konsequent zum Abschluss gekommen", bemängelte Löw.

RTL-Sportmoderator Andreas von Thien analysiert die deutsche Niederlage

Hummels kontra Löw: Welche Taktik ist die Bessere?

Hummels kontra Löw – die Grundsatzdiskussion zwischen fast bedingungsloser Offensive und Stabilität in der Defensive gab es schon vor und während der WM 2014. Damals setzten sich Hummels und Bastian Schweinsteiger als Anführer der Defensiv-Fraktion nach dem Chaos-Spiel gegen Algerien (2:1 nach Verlängerung im Achtelfinale) durch, Deutschland spielte im Viertelfinale gegen Frankreich und auch im Endspiel gegen Argentinien deutlich kompakter.

Die Wahrheit liegt dabei womöglich irgendwo in der Mitte. Um ein historisches WM-Aus in der Vorrunde zu vermeiden, dürfte gegen die weiteren Vorrundengegner Schweden und Südkorea nämlich beides gefordert sein: eine deutlich bessere Balance zwischen Offensiv- und Defensivverhalten sowie ein zwingenderes Angriffsspiel.

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