Elternvertreter sehen Handlungsbedarf

Richtig Schule nach den Sommerferien? Da muss noch einiges passieren

Gestellte Aufnahme Schueler der Georg Christoph Lichtenberg Gesamtschule IGS Goettingen zeigen auf
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29. Mai 2020 - 12:31 Uhr

Homeschooling spaltet die Gesellschaft

Biergärten auf, Schulen zu: So lauten kurz zusammengefasst die Prioritäten im Frühjahr 2020 in Deutschland. Die Corona-Krise hat den Schulbetrieb über Nacht lahmgelegt, seit Monaten findet kaum noch Unterricht statt, und wenn, dann meist nur digital. "Home Schooling", nennt man das, was dazu führt, dass ausgerechnet Kinder bildungsferner Schichten jeden Tag weiter abgehängt werden. 

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Von Christian Wilp

​Ein Beispiel aus Berlin, renommierte Schule, wohlhabendes Umfeld. Der Junge, elf Jahre alt, sechste Klasse, freut sich auf den 8. Juni. Dann hat er wieder Unterricht. Vermutlich genau drei Stunden, so wie beim letzten Schultag am 20. Mai. Das Mädchen, 15, zehnte Klasse, war ebenfalls am 20. Mai kurz in ihrer Klasse. Der nächste Termin steht noch nicht fest. Dazwischen gibt es sporadisch Online-Unterricht, mal mehr, mal weniger, je nach Lehrperson. Positiv fällt der Physiklehrer auf. Einmal pro Woche ein 45 Minuten langer Videochat. Eine Ausnahme.

Um die Bildung in Deutschland nicht auf Ausnahmen zu stützen, sollen die Schulen wieder auf Normalbetrieb hochfahren. Allein, Tempo und Zeitrahmen sind völlig umstritten. Jedes Land macht, was es will. So ist es im Föderalismus möglich.

Sachsen hatte schon vergangenen Montag Grundschulen und Kitas im eingeschränkten Regelbetrieb wieder geöffnet. Andere Länder, wie Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein und Sachsen-Anhalt, ziehen nach, um den Notstand zu beenden.

"Die Schäden durch unterbliebene Bildung und unterbliebene Förderung sind immens", sagt FDP-Parteichef Christian Lindner. "Hier droht ein Filmriss."

Elternrat: Vereinshäuser und Tagungszentren als Klassenräume

Um spätestens nach den Sommerferien alle Schulen in Deutschland zu öffnen, sehen Eltern- und Lehrervertreter allerdings noch Handlungsbedarf. Der Vorsitzende des Bundeselternrates, Stephan Wassmuth, schlägt Vereinshäuser und Tagungszentren als zusätzliche Räumlichkeiten vor, um Abstandsregeln einhalten zu können. Ziel: "Möglichst viel Präsenzunterricht für möglichst viele Schüler." Wassmuth erwartet bis auf weiteres ein Mischsystem aus Unterricht in der Klasse und Unterricht am Computer. "Damit sämtliche Lehrer in der Lage sind, mit digitalen Systemen umzugehen und online zu unterrichten, sollten die Sommerferien für Schulungen genutzt werden."

Der Präsident des Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, mahnt eine besondere Förderung benachteiligter Kinder an. "Es gibt Kinder, die haben keinerlei Defizite, und es gibt andere, bei denen war acht Wochen lang praktisch Sendepause." Letztere bräuchten permanenten Präsensunterricht, um nicht noch weiter zurückzufallen.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft steht allerdings weiter auf der Bremse und sieht ein Risiko für Pädagogen. "Einerseits möchte sich die Gesellschaft vor einer Pandemie schützen, andererseits die Erwerbstätigkeit von Eltern ermöglichen2, sagt die Vorsitzende Marlis Tepe. Die Klassenräume seien zu klein, um die Abstandsregeln einzuhalten, und nicht überall gebe es gute Lüftungsmöglichkeiten. Der Gesundheitsschutz, sagt Tepe, gehe vor.

Spahn: Keine Studie lässt echte Schlüsse über Kinder zu

Das Problem ist, dass es nach wie vor keine gesicherten Erkenntnisse gibt über die Ansteckungsgefahr, die von Kindern ausgeht. "Die Wahrheit ist, dass wir aktuell eine Studienlage haben, die keine echten Schlüsse zulässt, inwieweit Kinder zur Verbreitung des Virus beitragen", sagt Gesundheitsminister Jens Spahn. "Da gibt es sehr unterschiedliche Bewertungen, und das macht es besonders schwer, politische Entscheidungen zu treffen."

Also bleibt Deutschland wohl noch länger ein Land der Gegensätze. Wenn der elfjährige Schüler und die 15jährige Schülerin aus Berlin ausnahmsweise zur Schule gehen dürfen, kommen sie an einem Biergarten vorbei. Der hat inzwischen jeden Tag geöffnet.

(mit dpa)

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