Warum man besser nicht "Bullenschweine" rufen sollte

Reporterin spürt Verkehrssünder mit Leipziger Fahrradstaffel auf

22. September 2020 - 10:52 Uhr

Von Anne Schneemelcher

Eine Verfolgungsjagd gab es an diesen Abend zwar nicht, dennoch musste unsere Reporterin Anne Schneemelcher ordentlich in die Pedale treten, um mit dem Team der Leipziger Fahrradstaffel mithalten zu können. Wie teuer Radfahren sein kann und warum man lieber nicht "Bullenschweine" rufen sollte, weiß sie jetzt auch. Eine Verwarnung gab es in der Nacht mit radelnden Polizei sogar kostenlos.

10 Lux und Dauerbeleuchtung, sonst 20 Euro

Fahrradstaffel der Berliner Polizei
Vorsicht: Auch als Radfahrer kann es bei Verstößen Punkte in Flensburg geben
© deutsche presse agentur

Bevor ich mit mit der Fahrradstreife durch die Stadt ziehe, wirft Polizist Hannes Claus einen kurzen Blick auf mein Rad. Damit hatte ich gerechnet… Mein Rücklicht habe ich kurz vorher noch mit Gaffa Tape an der Sattelstange festgeklebt. Zu meiner Überraschung ist die Konstruktion verkehrstauglich, da mein Licht eine Leuchtkraft von 10 Lux hat. Glück gehabt. Wie viel Lux ein Fahrradlicht hat, steht auf der Beleuchtung selbst, erklärt mir Polizist Hannes Claus.

Auch mein Vorderlicht schafft es durch die Begutachtung. Dennoch gibt es viele Radfahrer mit zu schwachem batteriebetriebenen Lichtern. Da gibt es dann auch mal eine Verwarnung, weil jedes Licht besser sei, als keins. Aber natürlich muss Licht auch hell leuchten, sonst bringt es ja nichts. Und es muss dauerhaft an sein. Viele Beleuchtungen haben einen Blink-Modus.

Der ist verboten, denn das Blinken lenkt andere Verkehrsteilnehmer ab. Was bei mir allerdings fehlt, sind Reflektoren. Die gelben Kunststoffteile an den Pedalen habe ich zwar, aber keine Reflektoren hinten und vorn - und in den Speichen fehlen sie auch. Aber nicht mehr lange, habe ich versprochen. Immerhin: Meine Reifen haben einen reflektierenden Streifen.

Schrittgeschwindigkeit in der Fußgängerzone

Seit Mai 2019 gibt es die Leipziger Fahrradstaffel. Im Sommer sind die Beamten bis 23 Uhr unterwegs, im Winter bis 22 Uhr. Nur bei absoluten Starkregen lassen sie ihre E-Bikes mal stehen. Aber das sie nicht unterwegs sind, komme eigentlich kaum vor, erzählen mir die Beamten. Auch heute nicht.

Wir starten in der Dämmerung. Es ist noch angenehm warm, kein Wind, keine Wolke in Sicht. Ich genieße die Fahrt, doch weit kommen wir nicht, denn die ersten Radfahrer müssen in der Fußgängerzone auf Schrittgeschwindigkeit hingewiesen werden. Währenddessen radeln auch die ersten ohne Licht an uns vorbei. Polizistin Anne Kuhrt sagt amüsiert, dass sie auch mal bis zu 100 Kilometer am Abend schafften, aber in der Regel kämen sie nicht so weit, denn gerade jetzt, wo es früher wieder dunkel sei, hätten sie viel zu tun.

„Bei Rot“ kostet bis zu 180 Euro

ARCHIV - Der Leiter der Hamburger Fahrradstaffel, Carsten Heinrichs schreibt am 20.03.2012 in Hamburg einen Radfahrer auf, der eine rote Ampel missachtet hat. Die Polizei soll stärker gegen rüpelhafte Radfahrer vorgehen. Das fordert der Präsident des
Wer mit dem Rad über eine rote Ampel fährt, dem winkt ein sattes Bußgeld bis zu 180 Euro.
© dpa, Angelika Warmuth

Nach der Kontrolle in der Fußgängerzone geht es weiter. Ich merke schnell, dass das heute keine gemütliche Rad-Runde in dieser noch angenehm warmen Sommernacht für mich wird. Die Beamten sind mit ihren E-Bikes so schnell unterwegs, dass ich hin und wieder Probleme habe mitzuhalten.

Aber ich kann die Kollegen nicht aus den Augen verlieren. Denn sie sind in ihren gelben Leuchtsachen gut sichtbar. Und sie bleiben natürlich an roten Ampeln stehen. Das ist meine Chance, sie wieder einzuholen. Pause kann ich auch direkt machen, denn die Beamten ziehen an fast jeder Ampel Radfahrer ohne Licht raus - und auch die, die es noch schnell bei Rot über die Straße schaffen wollten. Keine gute Idee. Das kostet nämlich 60 Euro. Und gefährdet man andere Verkehrsteilnehmer, kann diese Straftat auch mal bis zu 180 Euro und einen Punkt in Flensburg bedeuten.

Handy und laute Musik auch verboten

Eine junge Frau bedient beim Fahrradfahren ihr Smartphone
Teurer Spaß: Wer beim Radfahren mit seinem Handy in der Hand erwischt wird, muss 55 Euro Bußgeld bezahlen.
© deutsche presse agentur

Obwohl die Polizei gut sichtbar ist, hören viele die Beamten gar nicht rufen. Der Grund: zu laute Musik über Kopfhörer. Musikhören ist zwar beim Radeln erlaubt, entscheidend ist aber die Lautstärke. Richtig teuer wird es, wenn man das Handy beim Fahren in die Hand nimmt. Und ehrlich gesagt, gehöre ich auch zu den Leuten, die sich Mal vom Handy navigieren lassen. Aber nach dem Weg schauen oder gar eine Nachricht tippen ist während der Fahrt nicht gestattet. Handy in der Hand kostet auch gleich mal 55 Euro.

„Bullenschweine“ lieber nicht rufen

Was an einem Tag mit Polizei natürlich nicht fehlen darf, sind Beleidigungen. Jemand auf der anderen Straßenseite ruft uns "Bullenschweine" hinterher. Claus und sein Team nehmen es gelassen und belächeln die Beleidigung. Das gehöre eben auch zum Alltag. Solange sie den Täter nicht während der Beleidigung sehen, können sie ihn nicht bestrafen. Teuer wäre es aber geworden.

Mir ist an dem Abend aufgefallen, dass die Staffel  im Großen und Ganzen freundlich behandelt wurde. Logischerweise freut sich keiner, wenn die Polizei ihn anhält, da sind Beleidigungen und Schimpfwörter ja eigentlich vorprogrammiert. Zu meiner Überraschung haben die meisten aber gelassen reagiert und sogar gelächelt. Einige waren peinlich berührt, weil sie "erwischt" wurden, haben sich über das Bußgeld geärgert oder über eine Verwarnung gefreut. Und das Schieben nach Hause ist ja auch eine Lehre - ab morgen lieber mit Licht.