Renn-Analyse: Wie weit ist Ferrari wirklich weg?

22. September 2015 - 10:11 Uhr

Von Steffen Kosuch

Mit Spannung haben die Formel-1-Fans dem Europa-Auftakt in Spanien entgegen gefiebert - und mit zwei zentralen Fragen nach Barcelona geblickt: Gelingt es Ferrari dank des groß angekündigtem Update-Paktes, den zuletzt noch kleinen Rückstand auf Mercedes weiter zu verringern? Und schafft es Nico Rosberg endlich, dem Seriensieger Lewis Hamilton ein Bein zu stellen und vor ihm ins Ziel zu fahren?

Lewis Hamilton, Sebastian Vettel, Circuit de Catalunya
Hier nah beieinander, in Wirklichkeit aber weit entfernt: Lewis Hamilton und Sebastian Vettel.
© REUTERS, Gustau Nacarino

Wie so oft ist es gar nicht so einfach, eindeutige Antworten zu finden. Vergleicht man die Rundenzeiten von Barcelona mit denen vorangegangener Rennen, so scheint der Abstand der Ferrari-Piloten größer geworden zu sein. Haben die Neuentwicklungen also nicht gehalten, was man sich bei den 'Roten' versprochen hatte?

Nimmt man die Zeiten von Kimi Räikkönen als Referenz, er fuhr ab Samstagmorgen bis einschließlich des Rennens zum Vergleich wieder die alte Entwicklungsstufe, so scheinen die Techniker bei Ferrari auf den ersten Blick durchaus gute Arbeit geleistet zu haben. Wäre der Finne die letzten 10 Runden des Rennens nicht auf Valtteri Bottas aufgelaufen, so wäre er wohl direkt hinter seinem Teamkollegen Sebastian Vettel ins Ziel gefahren. Trotzdem haben die Rückstände von Vettel als Dritter (mehr als 45 Sekunden) und Räikkönen (mehr als eine Minute) enttäuschte Gesichter bei den Verantwortlichen der Scuderia hinterlassen.

Wir halten fest: Ein großer Entwicklungssprung ist bei näherer Betrachtung aktuell noch nicht auszumachen. Dabei gilt jedoch anzumerken, dass die Fahrer mit ihren Renningenieuren eine gewisse Zeit brauchen, um das volle Potenzial der neuen Teile optimal auszuschöpfen. Von einer Fehlentwicklung bei Ferrari zu sprechen, käme deshalb reichlich früh. Ob der positive Trend aus den ersten Rennen fortgesetzt und die Lücke zu Mercedes geschlossen werden kann, zeigen wohl auch die anstehenden Testfahrten auf dem Circuit de Catalunya.

Ein anderer Faktor, der die Aufholjagd der 'Roten' in Barcelona verzögert haben könnte, ist die Reifenwahl von Pirelli. Die Italiener ließen auf dem extrem reifenbeanspruchenden Kurs in Barcelona ihren härtesten Reifen aufziehen - eben jene Pneus, mit denen viele Teams, wie etwa Ferrari, ihre liebe Not haben. Mercedes schaffte es dank hohem aerodynamischen Abtrieb noch am besten, den Reifen zum Arbeiten zu bringen. Sobald wieder weichere Reifenmischungen zum Einsatz kommen, sollte sich Ferrari somit leichter tun.

Hinzu kommt eine auf den ersten Blick kleine Änderung des technischen Reglements, die am Wochenende von der FIA herausgegeben wurde, letztendlich aber weitreichende Folgen haben könnte: die Überwachung der Benzindurchflussmenge. Laut Gerüchten hatte Ferrari eine Lücke im Reglement gefunden, die es den Ingenieuren der Scuderia erlaubte, kurzfristig mehr Benzin zu verwenden und damit die Motorleistung zu erhöhen. Bewahrheitet sich das, was 'Radio Fahrerlager' vermeldet, müssen die Abstände von Vettel und Räikkönen zu Mercedes noch einmal neu bewertet werden.

Rosberg und Hamilton tauschen die Rollen

Die Beantwortung der zweiten großen Frage des Wochenendes lässt die deutschen F1-Fans jubeln: Nico Rosberg hat beim Spanien-GP eine regelrechte Auferstehung erlebt. Endlich gelang es dem Vize-Weltmeister, seinem Teamkollegen Lewis Hamilton im Qualifying zu schlagen - vor allem auf dem Circuit de Catalunya der entscheidende Faktor im Kampf um den Sieg.

Hamilton kämpfte plötzlich mit genau den Problemen, die Rosberg in den bisherigen Rennen das Leben schwer gemacht hatten: Von Platz 2 und somit der dreckigen Seite startend, verlor der Brite gleich mal den Run zur ersten Kurve. Einmal hinter Vettel fand er trotz offensichtlich deutlich schnellerem Auto keinen Weg am Ferrari vorbei. Folglich musste dier Mercedes-Crew tief in die Trickkiste greifen, um den angepeilten Doppelerfolg doch noch sicherzustellen.

Weil eine klemmende Schlagschraube entscheidende Sekunden kostete, scheiterte Hamiltons Versuch, Vettel mittels vorgezogenen Boxenstopps zu schnappen. Erst die Umstellung auf eine 3-Stopp-Strategie brachte die Wende zum Besseren. Mit diesem Schachzug zog Mercedes den WM-Leader aus der Vettel'schen Blockade und verschaffte ihm damit die freie Fahrt, um zumindest noch Platz 2 ins Ziel zu retten. Einmal ohne Verkehr fuhr Hamilton in den folgenden Runden genug Vorsprung raus, um auch nach seinem letzten Stopp vor dem Ferrari zu bleiben. Für eine Schlussattacke auf Rosberg war es aber zu spät.

Rosberg machte alles richtig und fuhr kontrolliert einem souveränen Sieg entgegen. Wie bei Hamilton in den bisherigen Rennen sah es diesmal für seinen Rivalen spielerisch aus - ein weiterer Beweis, wie wichtig es ist, das Qualifying für sich zu entscheiden. Dabei konnte es sich Rosberg sogar leisten, seinen zweiten und letzten Stopp sehr weit raus zu zögern, um Hamilton bei dessen Kampf gegen Vettel nicht im Weg zu stehen. Hätte Mercedes bei Rosberg die eigentlich geplante Strategie angewendet, so wäre der Abstand auf die Verfolger vermutlich noch deutlicher gewesen.

Als nächstes steht mit dem Rennen in Monte Carlo eine der absoluten Lieblingsstrecken von Rosberg auf dem Programm. Hier ist nicht nur früher zur Schule gegangen, sondern hat auch seine größten Erfolge gefeiert, zuletzt stand er bei dem Grand Prix im Fürstentum ganz oben auf dem Treppchen. Es ist also davon auszugehen, dass die beiden WM-Kontrahenten weiter zusammenrücken - oder folgt in Monaco der unerwartete Erfolg eines Außenseiters?