Recycling-Pläne der EU: Kein Plastikmüll mehr bis 2030 – zu wenig, zu langsam, zu spät

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17. Januar 2018 - 12:46 Uhr

Kommentar von Tobias Elsaesser

Millionen Tonnen von Plastikmüll werden weltweit zum Problem. Oder besser ausgedrückt: Millionen Tonnen von Plastik vergrößern in den nächsten Jahren ein Problem, das bereits heute riesengroß ist. Das hat nun auch die EU erkannt. Das ist erfreulich. Noch erfreulicher ist, dass sie nun etwas unternehmen will, um Mensch und Umwelt besser gegen Plastikmüll zu schützen. Sie will bessere Kunststoffe, mehr Recycling, weniger Abfall. Deshalb sollen sämtliche Plastikverpackungen wiederverwertbar werden. Nicht jetzt, aber irgendwann, in absehbarer Zukunft. So in 12 Jahren, ab 2030.

Warum erst jetzt? Warum nicht sofort?

Bei aller Freude über die Erkenntnisfähigkeit der EU, stellen sich spontan Fragen. Zum Beispiel: Warum kommt man gerade jetzt und erst jetzt darauf? Und warum dauert das noch so lange, wo doch das Problem nicht erst in den letzten Tagen und auch nicht über Nacht aufgetaucht ist? Warum nicht sofort?

Die Antwort gibt die EU zum Teil selbst. Ein Teil verbirgt sich im ersten Punkt ihrer Strategie: bessere Kunststoffe. Das braucht seine Zeit. Man will der Industrie Zeit geben. Und Geld, 100 Millionen Euro an Fördermitteln zur Erforschung verbesserter Materialien. Ganz offensichtlich kann man von der Industrie nicht erwarten, sofort etwas zu unternehmen, möglicherweise Einbußen hinzunehmen, ein selbst verursachtes Problem selbst zu lösen, nur um den Menschen und der Umwelt einen Gefallen zu tun.

Recycling ist kein Neuland

Plastikmüll in den Meeren
Prognose: Bald gibt es in den Ozeanen mehr Müll als Fische (Archivbild).
© dpa, Nic Bothma

Rund 26 Millionen Tonnen Plastikmüll fallen jährlich in Europa an. Auch wenn nur 30 Prozent davon recycelt werden, sind das knapp acht Millionen Tonnen. Man kann also nicht behaupten, dass Recycling für die Industrie unbekanntes Terrain ist. Es drängt sich die Frage auf, wie lange die Politik noch zu Gunsten der Industrie entscheiden will, sobald sich zeigt, dass diese Industrie und unsere Umwelt gegensätzliche Interessen haben.

Laut Angaben des Umweltbundesamts schwimmen bis zu 142 Millionen Tonnen Plastikabfälle in den Weltmeeren. EU-Kommissionsvizepräsident Frans Timmermans warnt: "Wenn wir nicht ändern, wie wir Plastik produzieren und nutzen, wird es 2050 mehr Plastik als Fisch in unseren Ozeanen geben." Das sind nur noch 32 Jahre - trotzdem will man die nächsten 12 davon so weitermachen wie bisher?!

Warum die Industrie ändern, wenn ich den Verbraucher sanktionieren kann?

Neben der gesamten Idee der EU ist aber auch der Zeitpunkt interessant, zu dem sie kommt. Seit Beginn dieses Jahres hat China Abfallimporte gestoppt. Allein 560.000 Tonnen exportierte Deutschland dorthin. Wo dieser Müll nun hin soll, weiß niemand, aber es ist ein Problem, das die EU lösen muss. Nur mit diesen Plänen wird sie es nicht schaffen, es ist zu wenig, zu langsam und womöglich sogar jetzt schon zu spät. Um es mit den Worten des Physikprofessors Harald Lesch zu sagen: "Die Natur ist völlig ohne den Menschen entstanden und funktioniert ohne den Menschen. Wenn wir ihr keinen Respekt bringen, kommt sie auch weiterhin ohne uns klar."