Kinderschutzgipfel im Vatikan

„Rechenschaft, Transparenz und Verantwortung“: Wie will die Kirche in Zukunft Kindesmissbrauch verhindern?

Von Udo Gümpel

„Das Beste am Treffen ist, dass es überhaupt stattfindet“, meint Matthias Katsch, selber als Schüler das Opfer sexueller Gewalt durch einen Jesuitenpater am Berliner Canisius-Kollegs. Ich stehe mit dem 56-jährigen Matthias Katsch vor dem Gebäude der „Glaubenskongregation“. Früher nannte man dies die „Inquisition“. Dort arbeiten heute 17 Priester daran, die Fälle des Missbrauchs von Jugendlichen durch katholische Priester in der ganzen Welt aufzuklären, um dann gegebenenfalls eine kirchliche Strafe auszusprechen: Die höchste Strafe des Kirchengerichtes ist dabei die Entlassung aus dem Priesterstand.

Matthias Katsch konnte nicht mehr schweigen

Der deutsche Aktivist Matthias Katsch.
Matthias Katsch ist ein deutscher Aktivist für die Opfer sexuellen Kindesmissbrauchs durch Angehörige der katholischen Kirche.
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Auch die Akte der beiden Missbrauchstäter von Matthias Katsch, der beiden Jesuitenpriester, damals Lehrer an seinem Kolleg, dürften hier wohl in irgendeiner verstaubten Akte liegen. „Heute wissen wir, dass mehr als hundert Kinder Opfer dieser beiden Jesuiten wurden, in Berlin, in Darmstadt.“ Damals vertuscht, erst durch Opfer wie Matthias, die nicht mehr schweigen konnten, ans Tageslicht gekommen.

Das Berliner Kolleg, ein Fall von vielen. Er ist damals vertuscht worden, wie eben fast alle.

Für die Katholische Kirche ist die Lage heute sehr unangenehm geworden

Proteste vor dem Missbrauchsgipfel im Vatikan.
Matthias Katsch protestiert vor dem Kinderschutzgipfel im Vatikan.
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Überall in der Welt, zuerst in Irland, dann in den USA, jetzt in Chile, aber auch in Italien, Deutschland. In vielen Ländern der Welt melden sich immer mehr Menschen, die als Kinder Opfer sexueller Gewalt durch Priester wurden, und gehen an die Öffentlichkeit.

Der „Kinderschutzgipfel“ im Vatikan, von Donnerstag bis Sonntag, soll nun eine grundsätzliche Wende in der Katholischen Kirche markieren: „Rechenschaft, Transparenz und Verantwortung“ hat der Vatikan das Treffen von 190 Vertretern aller Bischofskonferenzen der katholischen Kirche der Welt genannt. Ziel sei es, so erklärte es uns Pater Federico Lombardi, langjähriger Papstsprecher und nun Moderator des Treffens, ein allgemeines Bewusstsein in der ganzen Weltkirche von der Gefährlichkeit des Missbrauches zu schaffen, um dann gemeinsam zu beraten, wie die Kirche in Zukunft verhindern kann, dass Kinder durch Priester sexuell missbraucht werden.

„Beschlüsse sind nicht während des Treffens geplant“, meinte Pater Lombardi auf Nachfrage, aber der Papst werde sehr aufmerksam an den Beratungen teilnehmen, es solle aber die „volle Transparenz“ hergestellt werden.

Während der viertägigen Beratungen werde man über alle Probleme offen sprechen: Der sexuelle Missbrauch an Kindern, die man der Kirche anvertraut habe, sei das schlimmste Verbrechen in der Kirche. Und man berate eben, wie man damit ein für alle Mal Schluss machen könne.

Während der Beratungen berichten dazu einzelne Opfer von der erlittenen Gewalt – damit die Kirchenvertreter es auch ganz direkt hören, was einzelne Mit-Priester da gemacht haben, welchen Schaden die Kinder genommen haben.

Papst Franziskus küsst Sprecher der polnischen Opfer die Hand

Papst Franziskus küsst Missbrauchsopfer die Hand.
Papst Franziskus küsst Marek Lisinski die Hand.
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Der Druck auf die Katholische Kirche ist enorm. Die Erwartungen sind sehr hoch. Während die Bischöfe, Kardinäle und Äbte hinter verschlossenen Türen beraten, versammeln unterdes sich die „Opfer und Überlebenden“ der sexuellen Gewalt durch die Priester vor dem Vatikan und stellen ihre Forderungen: „Es ist doch wohl nicht so schwer zu begreifen, dass ein Priester, der sich an einem Kind vergangen hat, sofort aus dem Priesteramt entlassen werden und dann bei der Polizei angezeigt werden muss“, meint Peter Isely, der Sprecher US-amerikanischer Opfer. „Wir erkennen ja durchaus den guten Willen des Papstes, dieses Treffen einzuberufen, aber es darf auf keinen Fall, wie bisher, bei guten Worten und schönen Gesten bleiben“, sagt Matthias Katsch.

Schöne Gesten, wie die, geschehen in der Mittwochaudienz am 20.Februar, als Papst Franziskus dem Sprecher der polnischen Opfer, Marek Lisinski, wortlos die Hand küsste, als er erfuhr, dass Marek über viele Jahre von einem Priester missbraucht worden war. „Was ich dem Papst aber eigentlich sagen wollte ist“, erzählt uns Marek, „dass wir allein in Polen Kenntnis von 20 Bischöfen haben, die die pädophilen Priester beschützt haben, die Aufklärung verhindert, also vertuscht haben.“ Während Marek das erzählt, steht er neben Matthias Katsch und einem Dutzend weiterer Missbrauchsopfer am Rande des Vatikans. Man steht zusammen, Opfer derselben Gewalt.

Noch hoffen die „Opfer und Überlebenden“, wie sie sich selber nennen, dass dieser Gipfel wirklich die Wende bringt, dass die Zeit des Kindesmissbrauches in der Kirche, die Zeit der Vertuschung nun wirklich zu Ende ist, dass das Unrecht, welches so viele Jugendliche erlitten haben, anerkannt wird und die Täter, sofern sie noch leben, bestraft werden. Das ist ihr Traum.