Raus aus der Trostlosigkeit, rein in den WM-Modus - aber wie?

19. Juni 2018 - 11:20 Uhr

Wie kann Deutschland den historischen WM-K.o. abwenden?

Nach dem historischen Desaster gegen Mexiko hat der Sieg der Schweden gegen Südkorea die Situation von Weltmeister Deutschland bei der WM in Russland weiter zugespitzt. Schon nach dem zweiten Gruppenspiel am Samstag (20:00 Uhr hier im Liveticker) in Sotschi könnte der Traum von der Titelverteidigung ausgeträumt sein. Für Bundestrainer Joachim Löw gilt es, mit seiner Mannschaft Antworten zu finden auf "eine für uns absolut ungewohnte Situation".

Italien ist Warnung genug

Wie prekär ist die Ausgangslage vor dem Spiel gegen Schweden?

Sehr prekär. Und sie würde noch extremer, wenn die Mexikaner wenige Stunden vor dem deutschen Spiel auch ihre zweite Partie gegen die Koreaner gewinnen sollten. Dann würde eine Pleite gegen Schweden bereits am 2. Spieltag der Gruppe F das Aus für Löws Team bedeuten. Ein Aus der DFB-Auswahl in der Vorrunde wäre historisch: Das gab es bei 18 WM-Teilnahmen nicht. Löw versprach nach dem 0:1 gegen Mexiko den Fans: "Uns wird es nicht passieren! Wir werden es schaffen!"

Wie stark sind die Schweden?

Eine Warnung muss genügen: Italien! Die Skandinavier sorgten in den Playoffs dafür, dass die Italiener - übrigens wie Deutschland viermaliger Weltmeister - in Russland fehlen. In der Qualifikation hatten sie die Niederländer hinter sich gelassen. Und die Schweden sind heiß auf den Weltmeister nach ihrem 1:0 gegen Südkorea: "Es ist etwas ganz Spezielles. Geiles Spiel, großes Spiel", sagte Emil Forsberg von RB Leipzig. Trainer Janne Andersson sagte selbstbewusst: "Deutschland ist der nächste Gegner, den wir schlagen wollen."

Stecken auch Chancen für das deutsche Team im Schweden-Spiel?

Ja. "Wir haben es im ersten Spiel verbockt, aber haben es selbst noch in der Hand", sagte Teammanager Oliver Bierhoff. Ein Sieg in Sotschi - und das Achtelfinale ist sofort wieder in Reichweite. Da könnte es durchaus zu einem frühen Duell mit Rekordchampion Brasilien kommen. "Das ist mir jetzt völlig egal, wer dann der Gegner ist", sagte Löw. "Wir müssen erst einmal unsere Hausaufgaben machen und das nächste Spiel gewinnen." Aber die erfolgreiche Bewältigung einer frühen Krisensituation könnte einen positiven Turnierschub auslösen.

Joachim Löw als Krisenmanager?

Ist dem Bundestrainer die Lösung der aktuellen Situation zuzutrauen?

Eindeutig ja. Löw hat das Nationalteam bislang bei jedem seiner sechs Turniere als Chefcoach mindestens ins Halbfinale geführt. "In einem Turnier gibt es Widerstände. Die muss man annehmen", sagte er nach dem Fehlstart.

Der 58-Jährige hat auch schon bewiesen, dass er ein Krisenmanager sein kann. Bei der WM 2014 in Brasilien stellte er nach dem 2:1-Zittersieg nach Verlängerung gegen Algerien im Achtelfinale personell um: Philipp Lahm rückte aus dem Mittelfeld zurück auf die rechte Verteidigerposition. Per Mertesacker flog aus der Startelf. Miroslav Klose kam für Mario Götze neu in die Offensive. "Das Spiel war damals ein Wachrüttler", sagte Manuel Neuer am Dienstag. Danach lief es: 1:0 gegen Frankreich, 7:1 gegen Brasilien und im Finale gegen Argentinien schoss Götze als Joker in der Verlängerung das 1:0.

Welche personellen Möglichkeiten hat Löw gegen Schweden?

Das Mexiko-Spiel verlangt geradezu Veränderungen. Erste Option ist Marco Reus, der in Sotschi von Beginn an auflaufen dürfte. Offensiv wird mehr Tempo und Torgefahr benötigt. Auch ein robuster Brecher wie Mario Gomez könnte eine Alternative im Angriff sein. Jonas Hector soll nach einem grippalem Infekt wieder links verteidigen.

Setzt Löw zu sehr auf die in die Jahre gekommenen 2014-Weltmeister?

Ja und nein. Die große Frage ist: Opfert er einen oder mehrere 2014-Champions nach nur einem Spiel? Thomas Müller, Sami Khedira, Mesut Özil - einige Leistungsträger waren schwach. Ilkay Gündogan oder Leon Goretzka könnten Khedira ersetzen. Reus könnte auch für Müller ins Team kommen - oder für Özil. Für Kapitän Neuer geht es weniger um die Aufstellung, sondern um Teamgeist und Einstellung. "Wichtig ist, dass wir alle an einem Strang ziehen und nach einem Muster spielen. Es darf keine zwei Meinungen auf dem Platz geben.​

"Wir haben die letzten zwei Wochen nicht faul rumgelegen"

Welche taktischen Möglichkeiten hat der Bundestrainer?

Löw könnte auf eine Dreierkette umstellen, um defensiv mehr Stabilität zu erzielen. Es war das Erfolgssystem beim Gewinn des Confed Cups 2017. Beim Viertelfinalerfolg gegen Italien bei der EM 2016 setzte Löw auch schon mal im Ernstfall auf drei zentrale Verteidiger. Zudem könnte Löw das defensive Mittelfeld um einen dritten Spieler neben Kroos und Khedira verstärken. Radikallösungen hat Löw aber ausgeschlossen: "An unserer Linie halten wir fest."

Was muss konkret besser werden?

Fast alles. Insbesondere die Balance zwischen Defensive und Offensive stimmte gegen Mexiko überhaupt nicht. Jerome Boateng beklagte zudem zu wenig Kommunikation auf dem Platz. In einer Sitzung am Dienstag wurde sich deutlich die Meinung gesagt, wie Neuer berichtete: "So stark war unsere Kommunikation noch nie!" Löw irritierte die Vielzahl der Ballverluste, die die flinken Mexikaner zum Kontern einluden.

Ist die deutsche Mannschaft körperlich topfit?

Schwierig zu beantworten. Löw ließ im Trainingslager und auch in Russland fast nur unter Ausschluss der Medien trainieren. "Wir haben die letzten zwei Wochen nicht faul rumgelegen", sagte Müller. "An der Kraft hat es nicht gelegen", sagte auch Löw angesichts des unermüdlichen Anrennens in Durchgang zwei gegen Mexiko.

Allerdings ließ eine Bierhoff-Aussage kurz vor dem WM-Start aufhorchen: "Gerade die erfahrenen Spieler haben das Tempo angezogen." Zu spät? Fest steht: An Tempo fehlt es einigen Akteuren (Kroos, Khedira, Hummels).

Welche Konsequenzen würde ein Vorrunden-Aus haben?

Große. Ein historischer WM-K.o. nach der Gruppenphase würde ein Beben im Deutschen Fußball-Bund auslösen. Alles müsste auf den Prüfstand gestellt werden - inklusive Joachim Löw. Der DFB hat den Vertrag mit dem Langzeit-Bundestrainer erst vor einem Monat bis 2022 verlängert. Das war eine kluge und konsequente Entscheidung von DFB-Präsident Reinhard Grindel.

Trotzdem wäre der Weltmeistercoach kaum im Amt zu halten. Jupp Derwall (1984), Erich Ribbeck (2000) und Rudi Völler (2004) überstanden ein frühes EM-Ausscheiden nicht. Löw könnte auch selbst Konsequenzen ziehen. Aber so weit ist es noch lange nicht. Ein Sieg gegen Schweden - und alles sieht wieder anders aus.


Quelle: DPA/RTL.de