Nach 392 Tagen ohne Sieg

Raus aus der Krise: Vettel gewinnt Flutlicht-Krimi in Singapur

23. September 2019 - 14:17 Uhr

Vettel siegt dank Nervenstärke und perfekter Taktik

Sebastian Vettel ist beim Fluchtlicht-Krimi von Singapur der Befreiungsschlag gelungen: In einem packenden Rennen setzte sich der viermalige Weltmeister vor Teamkollege Charles Leclerc und Max Verstappen durch. Vettel beendete damit nicht nur eine 392-tägige Sieglos-Serie, sondern auch seine Krise.

Mercedes verwachst bei Boxenstopp-Strategie

Zum Sieg führten Vettel eine mutige Undercut-Strategie und Nervenstärke bei den entscheidenden Überholmanövern. Weltmeister Lewis Hamilton kam nach einer völlig verkorksten Mercedes-Strategie nicht über Platz vier hinaus, Teamkollege Valtteri Bottas wurde nach Stallorder der Silbernen Fünfter vor Alex Albon im zweiten Red Bull. Die Top Ten komplettierten Lando Norris (Mercedes), Pierre Gasly (Toro Rosso), Nico Hülkenberg (Renault) und Antonio Giovinazzi (Alfa).

Vettel bedankt sich bei denen, die an ihn glaubten

Bei der Siegerehrung war Vettel deutlich anzumerken, wie der Druck der vergangenen Wochen von seinen Schultern fiel. Als die Nationalhyme erklang hatte Vettel feuchte Augen.

"Ich möchte mich beim Team bedanken und auch bei den Fans. Es waren harte Wochen, ich möchte mich bei allen bedanken, die weiter an mich geglaubt haben. Mir haben so viele Menschen Briefe und Nachrichten geschickt, denen möchte ich danken", sagte Vettel in einer ersten Reaktion.

Reichlich Action nach Bummelstart

Am Start geschah zunächst nichts und das blieb auf den folgenden 20 Runden so. Im reifenschonenden Bummeltempo fuhr das Feld Kolonne durch die schillernden Straßen von Singapur. Vettel entschied sich dann als erster der Toppiloten für einen Boxenstopp und wurde für seinen Mut belohnt: Als Leclerc nur eine Runde nach ihm an die Box kam, blieb Vettel hauchdünn vor dem Monegassen, der sich mit einem "What the hell is going on"-Fluch bei seiner Box beschwerte. Mercedes verwachste komplett, holte Hamilton und Bottas viel zu spät an die Box und nahm dem Briten damit die Siegchance.

Vettel riskierte anschließend viel, bei regulären Überholmanövern gegen Lance Stroll, Daniel Ricciardo, Gasly und dem zwischenzeitlich erstmals in seinem Formel-1-Leben führenden Antonio Giovanizzi (Alfa Romeo) fand er den Mittelweg zwischen Aggressivität und zu hohem Risiko, Leclerc konnte ihm nur mit Abstand folgen.

Drei Safety-Car-Phasen im Finale

Vettel übernahm die Führung, die er auch nach einer Aneinanderreihung von drei Safety-Car-Phasen (ausgelöst durch ein miserables Manöver von Romain Grosjean gegen George Russell, einen technischen Defekt von Sergo Perez und eine dumme Aktion von Daniil Kvyat gegen Kimi Räikkönen) nicht mehr abgab.

Für einen jetzt schon legendären Funkverkehr sorgte Leclerc im "Plausch" mit Ferrari, das ihm einen Angriff auf Vettel im Rennfinale strikt verbot. Der Held der Tifosi schmollte, hielt sich aber an die Ansage und musste sich nach zwei Rennsiegen in Folge mit Platz zwei begnügen.

Das Rennen im Zeitraffer

Start/Runde 1: Leclerc zeigt nicht den Hauch von Nerven, erwischt einen perfekten Start und setzt sich schon auf den ersten Metern von den Verfolgern ab. Vettel attackiert den zweitplatzierten Hamilton, schiebt sich in den Kurvenkombinationen 3, 4, 5 dreimal neben den Weltmeister, der auf der Innenbahn aber immer die Türe zu knallt. Schade für Seb! Verstappen bleibt auf vier vor Bottas.

Runde 1: Hülkenberg könnte nach den Cockpit-Absagen von Haas, Red Bull und Alfa Romeo ein Erfolgserlebnis gebrauchen, das Gegenteil passiert. Er kracht mit Carlos Sainz zusammen, beide müssen in die Box. Bei Hülkenberg ist "nur" ein Reifenwechsel nötig, am Sainz-Boliden hat sich hinten rechts die Felge verbogen, erst mit Rundenrückstand kommt der McLaren-Mann wieder auf die Strecke. Beide können nur noch auf ein Chaos-Rennen garniert mit ein paar Safety-Car-Phasen hoffen.

Runde 4: Mit Wut im Bauch fährt Hülkenberg die schnellste Rennrunde, während vorne brav Kolonne gefahren wird. Weil überholen hier nur schwer möglich ist, steht Reifen schonen im Vordergrund.

Runde 8: Die einzigen Überholmanöver im Feld sehen wir von Daniel Ricciardo: Der Honigdachs arbeitet sich von 20 auf 13 vor, nachdem er wegen eines illegalen Motors aus der Box starten musste.

Runde 10: Das Schneckenrennen nimmt abstruse Formen an: Leclerc fährt an der Spitze genauso schnelle Rundenzeiten wie Kollege Kubica auf Platz 18..

Runde 10: Ricciardo hält uns wach, quetscht sich nach mehreren vergeblichen Versuchen an Kvyat vorbei auf Platz 12. Stroll schlüpft gleich mit durch.

Runde 12: Hamilton funkt an die Box: "Guys, ich kann nicht mehr langsamer fahren". Alle fürchten den schnellen Einbruch ihrer weichen Startreifen. Eine Zwei-Stopp-Strategie ist hier aber keine Option, also müssen die Walzen so lange wie möglich geschont werden.

Runde 14: Spitzenreiter Leclerc braucht für eine Runde ganze 13 Sekunden mehr als bei seiner Pole-Zeit.. liebe Formel-1-Bosse, wir brauchen Regeländerungen!

Runde 15: Na, na, na, was macht Hamilton da? Lewis ist bis auf 0,4 Sekunden an Leclerc dran. Passiert hier etwa was?

Runde 17: Fehlalarm, Leclerc legt ein Sekündchen zu, was Hamilton dann doch zu schnell wird.

Runde 19: Pikantes Duell zwischen Hülkenberg und Grosjean: Der Deutsche setzt sich durch. Hat Haas-Boss Günther Steiner das gesehen? Der Ösi setzt 2020 weiter auf seinen Langsam-Franzosen statt den Hulk ins Team zu holen.

Vettel zieht den Undercut

Runde 20: Aufwachen, Freunde, Boxenstopps! Vettel kommt als Erster, Verstappen biegt hinter ihm auch ab. Für die Spitze heißt das: Jetzt mal bitte eine Runde Vollgas, Undercut-Gefahr ist das Stichwort. Vettels Stopp ist… naja, ferrari-like. Das geht auch schneller, wie Red Bull ein paar Garagen weiter hinten zeigt. Immerhin hatte Seb genug Vorsprung, er bleibt vor Max. Beide schnüren die harten Reifen auf.

Runde 21: Leclerc kommt an die Box, Hamilton bleibt wie Bottas draußen. Mercedes damit erstmal mit Doppelführung. Aber wir schauen auf die Strecke: Vettel rast heran und ist bei der Boxenausfahrt VOR Leclerc! Der Undercut hat funktioniert.

Runde 22: Vettel fährt in 1:45,453 Minuten die schnellste Rennrunde. Leclerc ist dahinter stinksauer, funkt "What the hell is going on" an seine Crew. Jetzt ist richtig Feuer drin! Hamilton fährt an der Spitze übrigens zwei Sekunden langsamer als die Ferrari – hat sich Mercedes verzockt?

Runde 23: Bottas kommt nach seinem Boxenstopp hinter Verstappen wieder auf den Kurs. Heißt: Overcut läuft nicht.

Runde 24: Die Bummelei im ersten Renndrittel führt nun zu folgendem kuriosen Zwischenstand: Hamilton führt vor Giovinazzi, Gasly, Ricciardo und Stroll, die alle noch nicht an der Box waren. Der erste Einstopper ist Vettel auf Platz 6, der im Mini-Rückspiegel Leclerc und Verstappen sieht.

Runde 25: Leclerc wütet im Boxenfunk, will an Vettel vorbei. Die Ferrari-Crew beruhigt ihn mit den Worten "Am Ende wird alles gut!". Das macht nun aber UNS unruhig – plant Ferrari etwa eine Stallorder zugunsten von Leclerc?

Herzstillstand bei Vettel-Attacke auf Gasly

Runde 26: Vor Vettel türmt sich ein Problem auf: Da schippern ihm die Herren Ricciardo und Stroll vor der Nase herum. Und die werden ihm keinen Platz machen.

Runde 27: Hamilton kommt als Letzter der Topfahrer an die Box und schleicht – nach Mercedes-Stallorder – knapp vor dem trödelnden Bottas wieder auf den Kurs zurück. Neuer Führender ist erstmals in seinem jungen Formel-1-Leben Antonio Giovinazzi. Hamilton will derweil von seinem Strategiechef wissen: "Platz acht, und jetzt?" Antwort: "Ruhig bleiben, das Rennen entscheidet sich am Ende".

Runde 27: Vettel geht an Stroll vorbei, Leclerc kann nicht gleich mitziehen. Etwas Luft für Seb.

Runde 29: Vettel schnappt sich Ricciardo, an gleicher Stelle geht dahinter Leclerc an Stroll vorbei.

Runde 30: Vettel sorgt für einen Herzstillstand, quetscht sich wie ein Wahnsinniger mit der Brechstange neben Gasly. Der Franzose muss ausweichen, um eine Kollision zu vermeiden. Vettel ist vorbei, wir ein paar Jahre älter – und wir schauen ins Büro der Rennleitung. Sofort poppt die Info auf: "Car 5 is under investigation." Oh man…

Runde 30: Eil-Tweet von Alfa: "Stopp the race now, stopp the race now!" Dann hätte Giovinazzi nämlich gewonnen.

Runde 31: Nix mit Rennabbruch, Giovinazzi macht brav Platz für Vettel, der damit Erster ist – leider unter Vorbehalt.

Runde 32: Vorbehalt gestrichen, die Rennleitung spricht Vettel frei.

Dreimal kommt das Safety-Car

Runde 36: Grosjean schiebt Russell in die Mauer, was ein Bock des Franzosen. Das Safety-Car kommt raus, schlechte Nachricht für Vettel. Sein Vorsprung ist damit dahin.

Runde 37: Bis auf Hülkenberg und Kvyat nutzt die Safety-Car-Phase niemand für einen Boxenstopp.

Runde 41: Das Russell-Wrack ist geborgen, die Strecke wieder freigegeben. Beim Re-Start gibt es keine Positionsverschiebungen.

Runde 41: Hülkenberg geht auf frischen Reifen an Kvyat vorbei, ist damit Zwölfter. Stroll fängt sich im Duell mit Gasly einen platten Reifen ein und muss an die Box.

Runde 44: Technischer Defekt bei Perez, der mit seinem Racing Point am Streckenrand stehen bleibt. Das Safety Car kommt wieder raus.

Runde 46: Jetzt schon legendärer Funkverkehr zwischen Leclerc und der Teamleitung: Der Monegasse will beim Re-Start volle Power, Ferrari winkt ab: "Schon die Reifen und den Motor, wir wollen auf 1 und 2 ins Ziel kommen". Leclerc antwortet: "Ja ja, ich werde nichts Dummes machen."

Runde 50: Kvyat räumt Räikkönen ab, beide kommen am Streckenrand zum Stehen, die Radaufhängung an Räikkönens Alfa ist gebrochen - wieder kommt das Safety-Car.

Runde 54: Vettel bleibt auch beim dritten Re-Start cool und hält sich vor Leclerc.

Ziel: Sebastian Vettel reißt die Arme in den Himmel! Er feiert seinen ersten Sieg seit 392 Tagen - und das Ende seiner Krise!

Das Rennergebnis im Überblick

Das Rennen zum Nachlesen im Ticker