Versuch einer Erkärung

Rassismus - was ist das eigentlich?

Mottowagen, Symbol gegen Rassismus und für Toleranz, Rosenmontagszug, Düsseldorf.
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22. Februar 2021 - 12:02 Uhr

Rassismus: Ein relativ neues Wort für ein uraltes Problem

Rassismus. Ein Wort, das jeder kennt und benutzt. Rassismus ist ein relativ neues Wort, es entstand erst Anfang des 20. Jahrhunderts als Reaktion auf ein Jahrtausende altes Problem. Der Versuch einer Beschreibung, um dem Phänomen hinter dem Wort Herr zu werden. Grob vereinfacht ist Rassismus die Ablehnung eines Menschen oder einer Gruppe aufgrund sichtlicher oder gefühlter Unterschiede, mit der ein Gefühl der Überlegenheit einhergeht. Diese Unterschiede – meist körperliche Merkmale – eine Deutung, eine Wertung und schließlich den Anspruch einer absoluten, unantastbaren Wahrheit. Aufgrund dieser äußerlichen Merkmale werden Rückschlüsse auf Abstammung und Herkunft, aber auch Charaktereigenschaften und Fähigkeiten gezogen, die Menschen werden in "Rassen" kategorisiert. Dabei wird die eigene "Rasse" als höherwertig eingestuft. Unter Benutzung solcher pseudowissenschaftlicher "Rassentheorien" werden diskriminierende Handlungen gegen Menschen, die nicht den eigenen Merkmalen entsprechen, gerechtfertigt.

Von Ausgrenzung über Diskriminierung bis hin zu Unterdrückung, Versklavung und Völkermord

Rassismus ist fester Bestandteil der Menschheitsgeschichte und ist in immer neuen Formen aufgetreten. Immer wieder sahen Menschen andere Unterschiede untereinander, mit unterschiedlichen Folgen von Ausgrenzung über Diskriminierung bis hin zu Unterdrückung, Versklavung und Völkermord. Und immer wieder schuf Rassismus die Voraussetzungen für eine neue Form seiner selbst, weswegen einige Rassismusforscher auch lieber von verschiedenen Rassismen als von einem allgemeinen Rassismus sprechen.

Obwohl es beim Rassismus eigentlich um angeblich wissenschaftliche belegte Rassentheorien, entstand der Rassismus, wie wir ihn heute kennen, vor einem religiösen Hintergrund. 1492 hatten die Spanier die Iberische Halbinsel von den Mauren vollständig zurückerobert. Juden und Muslime wurden fortan aus Spanien vertrieben. Theoretisch blieb ihnen die Möglichkeit, zum Christlichen Glauben zu konvertieren. Praktisch aber blieb es den Konvertiten verwehrt, Teil der Gemeinschaft zu werden, da die Christen der Überzeugung waren, Religion wäre etwas "Angeborenes", also quasi eine Art "Rasse", etwas, das man nicht überwinden kann. Auch wenn der rein naturwissenschaftliche Aspekt hier noch keine Bedeutung hatte, so galt Religion als ein Wesenszug, der durch Konversion nicht beseitigt werden konnte.

Äußerliche Merkmale waren praktisch für die Einordnung

Im Laufe der Zeit wurden religiöse Gewissheiten mehr und mehr hinterfragt, das Interesse an Naturwissenschaften wurde größer. Mit dem Beginn der Aufklärung rückten die Vernunft des Menschen und sein rationales Denken in den Vordergrund. Doch die durch die Religion begründeten Mythen und Vorurteile wirkten in die Wissenschaft nach. So hatte die Vorstellung, dass die Lebewesen in der Natur einer hierarchischen, stufenartigen Ordnung unterliegen ("Scala Naturae"), weiter großen Einfluss auf das Denken. Hier hinterfragte die Aufklärung nicht, sondern schuf im Gegenteil neue Stufen, die nun auch die Menschen auf verschiedene Stufen stellte. Am leichtesten ließ sich die Gattung "Homo" (Mensch) anhand von äußerlichen Merkmalen einteilen. Im Gegensatz zur Religion, betteten Aufklärer wie Immanuel Kant und Naturforscher wie Carl von Linné diese "Ordnung" in einen wissenschaftlichen Kontext ein.

Wegbereiter für einen "wissenschaftlichen" Rassismus

Zudem existierte zu jener Zeit ein wirtschaftlich sehr lukratives Phänomen: der Sklavenhandel. Menschen vom afrikanischen Kontinent wurden in alle Teile der Welt, vor allem nach Nordamerika, aber auch innerhalb des Kontinents, verkauft. Zwar widersprach der Sklavenhandel dem Geist der Aufklärung, andererseits konnte diese benutzt werden, um einen jeglicher Vernunft und Ethik widersprechenden Zustand, "wissenschaftlich" zu erklären und somit auch zu rechtfertigen. Laut des Rassismus-Forschers George M. Fredrickson war dies der "Wegbereiter für einen säkularen beziehungsweise 'wissenschaftlichen' Rassismus"

Ab dem Beginn des 19. Jahrhunderts beeinflussten rassentheoretische Ansätze auch das politische Denken und schlugen sich weiter in der Gesellschaft nieder. Die USA waren unabhängig geworden, erklärten in ihrer Verfassung alle Menschen für gleich, während sie am System der Sklaverei festhielten. Die europäischen Großmächte richteten in ihren Blick nach Afrika und teilten den Kontinent untereinander aus. Die Kolonialisierung Afrikas war vom Herrschaftsanspruch der Europäer über die ihrer Meinung nach niederer entwickelten Afrikaner geprägt, Europa wollte Afrika die Zivilisation bringen. Dieses Vorhaben manifestierte sich in Unterdrückung und Ausbeutung.

Letztlich geht es dem Rassisten um Macht

Der Amerikanische Bürgerkrieg (1861-1865) beendete zwar die Sklaverei, aber nicht den Rassismus, dessen Höhepunkt sogar noch bevorstehen sollte. Deutschland taumelte – seiner Kolonien nach dem Ersten Weltkrieg "beraubt" durch die Weimarer Republik in die offen rassistische und antisemitische Diktatur des Dritten Reiches. Großbritannien verwaltete weiter sein Empire, ebenso wie andere europäische Länder weiter über ihre Kolonien herrschten. Sie demonstrierten ihre Macht und nutzten Rassismus, um ihre Macht zu bewahren.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges setzte sich dieses Herrschaftssystem unter anderem im Apartheidsystem Südafrikas fort. Laut des Soziologen Albert Memmi ist die Machterhaltung der primäre Zweck rassistischer Überzeugungen und Handlungen, begleitet von der Angst, die Vormachtstellung an die vom Rassismus betroffenen Menschen zu verlieren, und somit selbst Opfer zu werden. Darüber hinaus stärkt Rassismus auf sehr einfache Weise das Ich des Einzelnen und seiner Gruppe, oder wie Memmi es formuliert: "Um groß zu sein, genügt es dem Rassisten, auf die Schultern eines anderen zu steigen"