Statistisch kaum erfasst

Rassismus und Rechtsextremismus in Deutschland von 1949 bis 1990

Hannover, NPD-Aufmarsch in Hannover, Neonazis, Demonstration Bereitschaftspolizei, Symbolfoto,
Hannover, NPD-Aufmarsch in Hannover, Neonazis, Demonstration Bereitschaftspolizei, Symbolfoto,
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01. März 2021 - 16:19 Uhr

Die Bürde der Republik

Rassismus in Deutschland hat zu den weltweit schwerwiegendsten Folgen geführt. Nach 12 Jahren Nazi-Herrschaft und sechs Jahren Weltkrieg lagen das Land und ein großer Teil der Welt 1945 in Trümmern. Neben den Millionen Toten auf den Schlachtfeldern kostete der Rassenwahn Adolf Hitlers über sechs Millionen Juden das Leben. Ein Genozid unvorstellbaren Ausmaßes. Aufgrund der Beispiellosigkeit und Einzigartigkeit dieser Verbrechen gegen die Menschlichkeit hat Deutschland einen eigenen Weg gewählt, mit der daraus entstandenen Schuld und Verantwortung umzugehen. Die Bundesrepublik Deutschland hat es sich zur Aufgabe gemacht, sich dieser Schuld zu stellen, sich mit ihr zu konfrontieren und sie in einem fortwährenden Prozess aufzuarbeiten. Um sicherzustellen, dass diese Taten, die im Namen des Landes begangen wurden, nicht vergessen werden und sich nicht wiederholen. Dennoch gibt und gab es, immer wieder Unverbesserliche, die aus dieser Vergangenheit nichts gelernt haben.

Sozialistische Reichspartei und Wiking-Jugend

Seit dem Beginn der Bundesrepublik Deutschland gab es Straftaten und Anschläge mit rechtsextremen und rassistischen Hintergründen, doch die Aufarbeitung der Jahre 1949 bis 1990 ist schwierig. Es gibt keine Statistiken, rechtsextreme Straftaten wurden meist als Einzeltaten ohne politische Motive gesehen, Opfer wurde nicht erfasst. Besser dokumentiert sind – zum Beispiel in dem Buch von Andrea Röpke und Andreas Speit herausgegeben Buch "Blut und Ehre" – Gründungen von rechtsextremen Vereinigungen und Parteien. Deren Geschichte beginnt im selben Jahr wie die der BRD, im Jahre 1949, mit der Sozialistischen Reichspartei, die den "Kampf bis zum Umfallen gegen das Bonner Regime" aufrief und das Dritte Reich als "Höhepunkt einer revolutionären Entwicklung des Abendlandes" ansahen, und Gaskammern als die "revolutionäre Methode dieser Epoche". 1952 gründete sich die Wiking-Jugend (WJ). Jugendliche wurden ideologisch und an der Waffe geschult, die Organisation predigte die "Zurückdrängung alles Fremdrassigen" und forderte gar, das jüdische Mitbürger einen gelben Stern tragen sollten. Trotz dieser klar rechtsextremen Ausrichtung wurde die WJ erst 1994 verboten. 1953 plante eine Gruppe Altnazis um den ehemaligen SS-Brigadeführer Walter Naumann die Unterwanderung der FDP. Die Pläne waren so weit vorangeschritten, dass sich die Briten genötigt sahen einzugreifen – was ihnen bis zur Unterzeichnung der Verträge zur westdeutschen Souveränität ein paar Monate später erlaubt war. 1959 erschütterte eine Vielzahl antisemitischer Schmierereien und Schändungen jüdischer Friedhöfe die junge Republik, 1964 gründete sich schließlich die NPD.

Anschläge mit rassistischen und rechtsextremen Motiven

Am 11. April 1968 schoss der rechtsextreme Josef Bachmann dreimal auf den Studentenführer Rudi Dutschke, der das Attentat nur knapp überlebte. Es stellte sich heraus, dass Bachmann Verbindungen zu rechtsextremen Gruppen hatte, laut einer 2009 veröffentlichten Stasi-Akte unter anderem zur Gruppe Otte, die in den siebziger Jahren mehrere Sprengstoffanschläge verübte.

Am 26. September 1980 verübte Gundolf Köhler einen Bombenanschlag auf das Münchner Oktoberfest, bei dem 13 Menschen starben und 221 weitere verletzt wurden. Es war der schwerste terroristische Anschlag in der Geschichte der BRD. Bis heute ist nicht eindeutig geklärt, ob Köhler, der bei dem Anschlag starb, allein gehandelt hat. Unbestritten ist, dass Köhler Verbindungen zur rechtsextremen Wehrsportgruppe Hoffmann und zur Wiking-Jugend hatte.

Bereits ein paar Wochen zuvor hatten in Hamburg die "Deutschen Aktionsgruppen" bei einem Brandanschlag auf ein Übergangsheim in Hamburg zwei Vietnamesen getötet. Sie hatten im Laufe des Jahres 1980 bereits mehrere Anschläge verübt. Knapp drei Monate nach dem Oktoberfestattentat ermordete der Vizechef der Wehrsportgruppe Hoffmann in Erlangen den Rabbiner Shlomo Lewin und dessen Partnerin Frieda Poeschke.

Auch im Laufe der achtziger Jahre gab es immer wieder Anschläge mit rechtsextremem Hintergrund, bei denen zum Teil auch Menschen ums Leben kamen, wie zum Beispiel den Brandanschlag auf ein von Türken bewohntes Haus in Schwandorf (Bayern), bei dem vier Menschen getötet wurden.

War die BRD in den siebziger Jahren durch den Terror der linksextremen RAF erschüttert worden, rückten die rechtsextremen Anschläge über das Jahr 1980 hinweg und die Schwere des Oktoberfestanschlags rechtsextreme Gewalt erstmals etwas mehr in den Fokus der Öffentlichkeit. Doch nicht genug, was Taten aus der jüngsten Vergangenheit – wie zum Bespiel der Anschlag von Hanau oder der Terror des NSU – zeigen.