Rados erläutert die Lage im Pulverfass Syrien: "Jetzt kann Obama nicht mehr wegschauen"

Antonia Rados hält gezielte Militärschläge in Syrien für ein denkbares Szenario.
Antonia Rados hält gezielte Militärschläge in Syrien für ein denkbares Szenario.

21. September 2013 - 9:24 Uhr

RTL-Reporterin: "Gezielte Militärschläge sind eine realistische Option"

Die Welt zerbricht sich den Kopf, wie sie gegen den sturen Präsidenten Syriens vorgehen kann. Nach dem mutmaßlichen Giftgas-Angriff auf Zivilisten ist ein Militärschlag gegen Baschar al-Assad nun wahrscheinlicher geworden. Doch noch zögern die Nato-Staaten. Und das hat gute Gründe, wie RTL-Reporterin Antonia Rados auf RTLaktuell.de ausführlich darlegt.

Vor allem die USA sind "nach zwei Kriegen, Afghanistan und Irak, kriegsmüde. Obama, immerhin ein Friedensnobelpreisträger, will nicht in neue Kriege verwickelt werden", so Rados zu RTLaktuell.de. Nicht vergessen ist auch die dramatische Fehleinschätzung seines Vorgängers. "George W. Bush hatte sich mit der Behauptung, im Irak gäbe es Giftgas, schwer geirrt."

Dennoch ist das Thema Syrien natürlich auf der Agenda aller wesentlichen Streitmächte der Nato. Viel zu wichtig ist der strategisch bedeutende Staat. "Überdies tob dort ein Stellvertreter-Krieg", so Rados. "Das Assad-Regime ist mit Russland und Iran verbündet. Dazu kommt die libanesische Hisbollah. Assad bekommt seine Waffen von Moskau. Der gegnerische Machtblock besteht aus Israel, Saudi-Arabien und den USA. Sie unterstützen die Rebellen mit Waffen und Training."

Auch die Erfahrungen in anderen Ländern, in denen der arabische Frühling die alten Machthaber aus dem Amt spülte und islamistische Kräfte gestärkt wurden, lassen den Westen zögern. Doch hier ist Syrien ein Sonderfall. "Es wird zunehmend klar, dass Assad diesen Krieg nicht gewinnen und nicht verlieren kann. Die USA, aber auch Russland wollen sicher sein, dass sie für alles bereit sind, wie auch eine Aufteilung von Syrien. Es geht den Großmächten in Nahost ums Gleichgewicht – der andere darf nicht zu stark werden", analysiert Rados.

Keine Einigung im UN-Sicherheitsrat zu erwarten

Immer wieder hatte die Weltgemeinschaft und vor allem US-Präsident Barack Obama betont, der Einsatz von Chemiewaffen sei eine rote Linie, deren Überschreiten ein Eingreifen zur Folge hätte. Möglicherweise trieben Assad militärische Erfolge der Rebellen im Süden Syriens dazu, das Giftgas einzusetzen, glauben Experten. "Nun kann Obama nicht mehr wegschauen, wenn Zivilisten so grauenhaft ums Leben kommen", meint Rados, die gezielte Militärschläge für eine realistische Option der Westmächte hält. "An eine militärische Invasion glaube ich nicht. Eher an Militärschläge, um eine Sicherheitszone zu errichten für bedrohte Zivilisten wie in Bosnien."

Die USA-Expertin Melinda Crane unterstützt Rados' These. "Es sind schon vier Zerstörer im östlichen Mittelmeer, sie haben Marschflugkörper. Alle sagen, wahrscheinlich würde ein Angriff so aussehen. Was man nicht erwarten soll, ist, dass die Amerikaner hier irgendeinen Krieg anfangen, so wie seinerzeit im Irak, das ist ausgeschlossen", so Crane bei n-tv.

Im UN-Sicherheitsrat wird es wegen des drohenden russischen Vetos sicher nicht zu einer Einigung kommen. "Assad ist und bleibt Russlands Verbündeter. Daran wird sich wenig ändern. Im Gegenteil, je größer der Druck auf Assad ist, desto enger wird die syrisch-russische Allianz." Auch deshalb sind Militärschläge ohne UN-Mandat wahrscheinlich. "Egal, wer das Giftgas eingesetzt hat. Zivilisten müssen laut internationalem Kriegsrecht beschützt werden", erläutert Rados.

Das schätzt auch Crane so ein. "Es sieht im Moment sehr nach einem Eingreifen der USA aus. Ein Regierungssprecher in Washington sagte, es gebe kaum noch Zweifel, dass das Regime Chemiewaffen eingesetzt hätte. Die Amerikaner überlegen offensichtlich, vielleicht mit anderen, mit Frankreich oder den Briten gegen Syrien vorzugehen", so die Expertin aus den USA.

Doch welche Folgen eine Intervention, wie auch immer geartet, sein wird, das ist kaum vorherzusehen. Denn: "Krieg ist nicht planbar. Alles kann geschehen – bis zu einem Flächenbrand, vor dem Syrien warnt", so Rados. Und ein Flächenbrand, also der Übergriff auf andere Länder in der Region, ist das letzte, dass die NATO-Partner wollen.

Das ist das große Dilemma in der Syrien-Frage: Einschreiten aus humanitären Gründen ja. Aber zu welchem Preis?