Pussy Riot: Berufungsverhandlung hat begonnen

Von links nach rechts: Samuzewitsch, Alechina, Tolokonnikowa: Lieber Straflager als Entschuldigung für Putin.
Von links nach rechts: Samuzewitsch, Alechina, Tolokonnikowa: Lieber Straflager als Entschuldigung für Putin.
© dpa, Maxim Shipenkov

10. Februar 2016 - 18:36 Uhr

Anwältin fordert Gutachten

Der Prozess gegen Pussy Riot geht in die zweite Runde. In Moskau hat die Berufungsverhandlung gegen Jekaterina Samuzewitsch (30), Nadeschda Tolokonnikowa (22) und Maria Aljochina (24) begonnen. Noch heute soll das Urteil fallen. Die Musikerinnen waren im August zu zwei Jahren Haft in einem Straflager verurteilt worden und fechten das Urteil an. Große Chancen werden ihnen nicht eingeräumt.

Vor Gericht ist die Polizei mit einem Großaufgebot angerückt. Es seien so viele Beamte wie nie zuvor vor Ort, sagte RTL-Reporter Peter Leontjew aus Moskau. Auch auf Bildern aus dem Gerichtssaal sind Polizisten zu sehen. Sympathisanten der Punk-Mädchen seien dagegen kaum vor dem Gebäude vertreten, sagte Leontjew.

Zu Beginn forderte die Verteidigung der Band ein unabhängiges Gutachten über das Protestgebet der Gruppe gegen Kremlchef Wladimir Putin. Pussy Riots Auftritt im Februar in der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau müsse von einem unabhängigen Sprachforscher untersucht werden, sagte Anwältin Violetta Wolkowa nach Angaben der Agentur Interfax. Die Musikerinnen waren wegen Rowdytums aus religiösem Hass verurteilt worden. Ein unabhängiges Gutachten soll zeigen, dass das Punkgebet nicht religiös motiviert gewesen sei. Wolkowa warf dem Gericht vor, in erster Instanz ignoriert zu haben, dass es sich um einen politischen und nicht um einen religiösen Protest gehandelt habe, sagte sie.

Fährt die Band eine Verzögerungstaktik?

Die Verhandlung war in der vergangenen Woche überraschend vertagt worden. Jekaterina Samuzewitsch hatte überraschend beantragt, ihre Anwälte austauschen zu lassen. Sie stimme mit deren Position nicht überein. Die Staatsanwaltschaft hatte den Frauen daraufhin Verschleppungstaktik vorgeworfen. Der Grund: Während der Berufungsverhandlung sind sie in einem Moskauer Gefängnis untergebracht. Sollte die Band vor Gericht scheitern, werden die Frauen in sibirische Straflager verlegt, wo die Haftbedingungen deutlich schlechter sind.

Große Chancen auf Erfolg dürften sie nicht haben. "Die Mädchen haben keine Reue gezeigt. Sie wollen nicht aufgeben und weiterkämpfen", sagte Leontjew. Die Angeklagten hatten sich bei den Gläubigen entschuldigt, deren Gefühle sie verletzt hatten, bei Russlands Präsident Putin aber nicht. Lieber würden sie ins Straflager gehen, als das Urteil zu akzeptieren. Das passe der Führung im Kreml nicht – obwohl Putin bereits angegeben hatte, auf das Verfahren keinen Einfluss zu haben. Er hatte aber in einem Interview mit dem Nachrichtensender n-tv die international umstrittene Verurteilung begrüßt. "Sie haben es gewollt, und sie haben es bekommen", sagte er. Das sei zweifellos eine Ausübung von Druck auf das Berufungsgericht, sagte Pussy-Riot-Anwalt Nikolaj Posolow.