Kontaktverbot und Ausgangsbeschränkungen

Psychologe erklärt: Darum werden die Menschen jetzt unruhig und undiszipliniert

16. April 2020 - 9:22 Uhr

Deutsche sind gegen Corona-Lockerungen - trotzdem viele Regelverstöße

Laut einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts "YouGov" im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur ist die Mehrheit der Deutschen gegen eine Lockerung des Kontaktverbots. 44 Prozent wünschen sich, dass die Corona-Beschränkungen verlängert werden, 12 Prozent sogar, dass diese noch verschärft werden. Trotzdem wurden die Regeln gerade am Osterwochenende immer wieder gebrochen, wie auch die Menschen im Video zugeben. Grillfeiern, Familienfeste und Besuche bei Freunden trotz des Kontaktverbots. Wir haben einen Psychologen gefragt, warum die Disziplin langsam nachlässt.

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Psychologe Dirk Baumeier
Psychologe Dirk Baumeier erklärt im RTL-Interview, warum soziale Kontakte für uns so wichtig sind.
© RTL

Wir sind Herdentiere und keine Einzelkämpfer

 Coronakrise - Elbstrand Oevelgönne zu Ostern
Viele Menschen zieht es wieder nach draußen wie zu Ostern an den Elbstrand Oevelgönne.
© imago images/Nikita, via www.imago-images.de, www.imago-images.de

"Generell können wir als Psychologen beobachten, dass die Menschen allmählich unruhig mit den Hufen scharren", erklärt Psychologe Dirk Baumeier im RTL-Interview. "Je länger es Ausgangsbeschränkungen gibt, je stärker die Einschränkungen sind, desto stärker sehnen sich die Menschen nach dem, was ihnen im Augenblick nicht erlaubt ist", erklärt er.

Der Wunsch, sich mit anderen auszutauschen und in Kontakt zu treten, ist tief in unserem Wesen verankert. "Aus evolutionärer Sicht sind wir Menschen Herdentiere", erklärt der Psychologe. Wir seien soziale Wesen und keine Einzelkämpfer, darum brauchen wir den Austausch mit unseren Mitmenschen. "Wenn die Menschen keine Fühlung aufnehmen können zu anderen Menschen, werden sie unruhig", sagt Baumeier.

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Menschen können nur für eine bestimmte Zeit auf soziale Kontakte verzichten

Studien mit Weltraumfahrern oder Polarforschern würden zwar zeigen, dass Menschen in der Lage sind für eine Weile auf soziale Kontakte zu verzichten, aber eben nur eine begrenzte Zeit. "Der Mensch kann so etwas etwa ein Jahr ertragen", so der Psychologe. Allerdings müsse man bedenken, dass Leute die ins All oder zu einsamen Forschungsstationen geschickt werden, speziell ausgesucht und geschult werden. Es seien sportliche, gesunde Menschen, die wegen ihrer psychischen Gesundheit ausgewählt wurden.

Bei normalen Bürgern könne die Situation viel schneller kritisch werden glaubt der Psychologe. Er schätzt, dass nach vier bis sechs Wochen bei den meisten die Grenze der Belastbarkeit erreicht sei und Unruhe ausbricht. Dann würden die Menschen anfangen, die Maßnahmen zu hinterfragen, ob das überhaupt sinnvoll und verhältnismäßig sei. Einfacher sei es für viele aber, wenn es eine klare Deadline gebe, bis wann die Maßnahmen gelten. Die Menschen seien bereit, Einschränkungen in ihrer Freiheit hinzunehmen, wenn sie wüssten, dass es nur für eine begrenzte Zeit sei, sagt der Psychologe.

Abstand halten und zuhause bleiben geht nicht ewig
Ein paar Wochen halten die meisten die Corona-Regeln durch, danach werden viele unruhig.
© imago images/Camera4, Eberhard Thonfeld via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Soziale Kontakte können unsere Immunsystem sogar stärken

Er glaubt auch, dass es aus psychologischer Sicht sinnvoll sei, langsam zur Normalität zurückzukehren. Die Ausgangsbeschränkungen seien zwar medizinisch notwendig, aber der psychologische Aspekt sei nicht hinreichend berücksichtigt worden. Natürlich müssten Menschen, die zu Risikogruppen gehören geschützt werden, aber jeder von uns müsse auch dafür sorgen, sein Immunsystem zu stärken. Auf lange Sicht brauchen wir dafür den Kontakt zu anderen Menschen, glaubt der Psychologe. Es sei notwendig, "dass wir uns wohl fühlen, dass wir uns ungestresst fühlen, dass wir Zeit an der frischen Luft verbringen, dass wir singen, tanzen und spazieren gehen", so Baumeier.

TVNOW-Doku: Stunde Null Teil 2 - Wettlauf mit dem Virus

Das Corona-Virus hält Deutschland und den Rest der Welt weiter in Atem. Nach dem erfolgreichen ersten Teil der Doku "Stunde Null" vor zwei Wochen gleichen die Autoren in der zweiten TVNOW-Doku "Stunde Null - Wettlauf mit dem Virus" die verschiedenen Maßnahmen einzelner Länder rund um den Globus mit den aktuellen Empfehlungen von Forschern ab.

Mehr Informationen finden Sie auch in unserem Podcast "Wir und Corona".