Psychische Folgen des Kita-Lockdowns

So wirkt sich die lange Kita-Pause auf die ganz Kleinen aus

Seit Wochen sind die Kitas zu - vielen KIndern fehlt ihr gewohnter Alltag.
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22. Mai 2020 - 11:38 Uhr

Die lange Kita-Schließung macht vielen Kindern zu schaffen

Um eine Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen, waren seit Beginn der Corona-Pandemie die Kitas für die meisten Kinder geschlossen. Seit dem 11. Mai sollen Kitas nun im Zuge der Lockerungen der Corona-Maßnahmen von Bund und Ländern schrittweise wieder vom Not- in den Normalbetrieb übergehen, möglichst bis zu den Sommerferien. Für Kinder bedeutet das, dass sie weitere Wochen nur unregelmäßig oder gar nicht zur Kita gehen. Das Lernen und "voneinander Abgucken" mit anderen Gleichaltrigen findet - wenn überhaupt - dann nur zeitweise statt.

Aber wie wirkt sich die lange Kita-Pause auf die ganz Kleinen aus? RTL hat mit der Kinderpsychologin Sabine Werner-Kopsch gesprochen.

Wie die einzelnen Bundesländer ihre Kita-Öffnung planen, erfahren Sie hier.

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Was macht es mit kleinen Kindern, dass die Kitas seit Wochen geschlossen haben?

"Diese Frage kann nicht für alle Kinder gleich beantwortet werden, da der Umgang mit so einer Situation sehr vom persönlichen Temperament, der individuellen Umgebung und den individuellen Ressourcen eines Kindes abhängig ist", so Kinderpsychologin Sabine Werner-Kopsch. Je länger die Zeit andauert, desto mehr würden die Kinder allerdings ihre Freunde, ihre Erzieher und vor allem die gewohnte Umgebung und die gewohnten Abläufe vermissen. "Das ist sehr ähnlich wie bei extra langen Sommerferien. Ohne jedoch, dass private Treffen möglich sind."

Wenig soziale Interaktion, zu viel TV

Und auch andere Probleme tauchen nach Ansicht der Expertin zunehmend auf: Vielen Kindern sei die fehlende soziale Interaktion mit Gleichaltrigen, die motorischen Entwicklungsimpulse und vor allem die ausbleibende sprachliche Förderung inzwischen anzumerken, so Sabine Werner-Kopsch. Denn viele Kinder schauten in dieser Zeit deutlich mehr fern als sonst – was sich sowohl auf das Spielverhalten der Kinder als auch auf ihren Sprachschatz auswirkt. Und das nicht immer zum Positiven, so die Expertin. 

"Für viele Kinder hat sich die Ernährung deutlich verändert"

​Aber auch die Tatsache, dass die regelmäßigen, gesunden Mahlzeiten in der Kita wegfallen, sei für viele Kinder ein Problem. "Hier wird den Elternhäusern eine sehr konsequente Haltung abverlangt, die in vielen Haushalten nicht mehr zur Gewohnheit gehört oder schlicht nicht umgesetzt werden kann", so Sabine Werner-Kopsch. Homeoffice, "Homeschooling" (viele Eltern haben ja nicht nur ein Kita-Kind), ausreichend Bewegung, gesunde Ernährung und sinnvolle Beschäftigung und all das neben der Organisation des übrigen Alltags: Viele Eltern schaffen es einfach nicht, an allen Fronten zu kämpfen. Vor allem wenn der Kampf ein Marathon ist, so wie in der aktuellen Situation.

Kinder müssen neu eingewöhnt werden

Und noch ein Aspekt wird laut der Kinder-Psychologin mit der Zeit immer größer: Je länger die Pause anhält, umso mehr sind die Kinder auch von den Bezugspersonen der Kita entwöhnt. "Selbst wenn die Kinder nach diesen Personen fragen, gehen die Bindungen verloren. Die Kinder müssen die Bezugspersonen dann neu kennenlernen, es muss also eine neue Eingewöhnung stattfinden", so die Expertin.

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