Prozessauftakt nach Mord an Arge-Mitarbeiterin: Irene N. war ein Zufallsopfer

21. Januar 2016 - 17:46 Uhr

32-jährige Mutter starb durch tiefe Stichwunden

Die Tat sorgte bundesweit für Entsetzen: Im September 2012 stürmt ein Mann, bewaffnet mit zwei Messern, ins Neusser Jobcenter. Er will einen Sachbearbeiter zur Rede zu stellen. Als er diesen nicht antrifft, attackiert er eine Mitarbeiterin. Der 53-Jährige sticht mehrfach auf sein Zufallsopfer ein. Irene N., eine 32-jährige Mutter erliegt ihren schweren Verletzungen.

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Der mutmaßliche Täter und sein zufälliges Opfer: Irene N. starb durch tiefe Stiche in Brust, Bauch und Oberschenkel.

Ein halbes Jahr nach dem Mord hat der Prozess gegen den mutmaßlichen Täter begonnen. Die Verteidiger des Angeklagten kündigten vor dem Düsseldorfer Landgericht an, dass sich ihr Mandant beim Prozessauftakt nicht zur Tat äußern werde, möglicherweise aber später.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Langzeit-Arbeitslosen heimtückischen Mord aus niedrigen Beweggründen vor. Er hatte im Jobcenter eine Datenschutzerklärung unterzeichnet, nachträglich aber einen Missbrauch seiner persönlichen Daten befürchtet. Bei der Datenschutzerklärung, über die sich der Mann derart erregt habe, sei es um das Einverständnis zur Weitergabe der Daten an potenzielle Arbeitgeber gegangen.

Die Verteidiger sagten, ihr Mandant marokkanischer Abstammung, spreche kaum Deutsch und habe die Erklärung schlicht nicht verstanden. Sein Bruder habe ihn als Dolmetscher begleiten wollen, aber dann sei der 53-Jährige vorgegangen.

Im Jobcenter habe er mit der 32-jährigen Irene N. über die Erklärung diskutieren wollen, so die Anklage. Doch die Frau habe abgewunken, weil er keinen Termin hatte und schon der nächste Klient gewartet habe. Da habe er ein Küchenmesser gezückt und sie angegriffen. Als die Klinge abbrach, griff er zum Fleischmesser.

Der 53-jährige Vater von fünf Kindern hatte die Tat gestanden, aber eine Tötungsabsicht bestritten. Die Staatsanwaltschaft hält das für unglaubwürdig. Irene N. starb durch tiefe Stiche in Brust, Bauch und Oberschenkel. Ein Gerichtsmediziner berichtete, dass ein Stich sie vollständig durchbohrt habe. Es seien mehrere innere Organe verletzt worden. Die Frau sei von innen verblutet.

NRW: Sicherheitsmaßnahmen in Jobcentern verschärft

Der Angeklagte ist seit dem Jahr 2000 in Deutschland. Entgegen den Angaben der Ermittler habe er immer wieder als Saisonarbeiter gearbeitet, erklärten die Verteidiger. Er spreche berberisch und es gebe Zweifel, ob die Dolmetscher bei der Polizeivernehmung diesen Dialekt beherrschten.

Das Gericht hatte den Verdächtigen bereits darauf hingewiesen, dass ihm die Höchststrafe droht. Zusätzlich zu lebenslanger Haft komme auch die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld in Betracht.

Ein psychiatrischer Gutachter konnte keine Störungen feststellen, die auf eine verminderte Schuldfähigkeit hindeuten. Allerdings wurde dem Angeklagten eine geringe Intelligenz mit einem IQ von 75 attestiert.

Zudem wurde bekannt, dass der Mann schon früher gegenüber Behördenmitarbeitern aggressiv geworden war. So soll er in seiner ursprünglichen Heimat Marokko bereits einen Staatsanwalt attackiert haben und in Deutschland einen Mitarbeiter des marokkanischen Konsulats.

Nach der Gräueltat hatten Mitarbeiter von Arbeitsagenturen und Jobcentern bundesweit mit einer Schweigeminute ihrer getöteten Kollegin gedacht. Nach der Bluttat war eine Diskussion über die Sicherheitsmaßnahmen in den Jobcentern entbrannt. Im Zuge dessen wurden die Sicherheitsmaßnahmen in Jobcentern in NRW verschärft.