2018 M11 8 - 13:25 Uhr

Angeklagter spricht von Ehrenkampf - das Opfer habe schlecht über ihn gesprochen

Es fing mit Lästereien unter Jugendlichen an und endete mit dem Tod eines 15-Jährigen: Sieben Monate nach einem Kampf unter Schülern in Passau stehen seit Donnerstag sechs Tatverdächtige vor Gericht. Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft waren sie an der Schlägerei beteiligt, bei der Maurice K. im April ums Leben kam. Er hatte sich mit einem Gleichaltrigen verabredet, um einen Streit zu klären. Die Situation eskalierte. Maurice' Kontrahent sagte vor dem Landgericht: "Ich habe ja nicht damit gerechnet, dass es so böse ausgeht." Er sprach vor Gericht von einem Ehrenkampf, da das Opfer schlecht über ihn geredet habe. RTL-Reporter Andreas Becker war vor Ort.

Lästereien wurden Maurice K. zum tödlichen Verhängnis

ARCHIV - 17.04.2018, Passau: Blick in eine Fußgängerpassage, in der bei einer Schlägerei unter Jugendlichen ein 15-Jähriger getötet worden ist. (zu dpa: «Prozess um Tod eines Schülers in Passau beginnt» vom 08.11.2018) Foto: Sebastian Daiminger/Passa
Ein Blick in die Fußgängerpassage, in der der 15-jährige Maurice K. verprügelt wurde.
© dpa, Sebastian Daiminger, sja req sja fka sja

Sie hätten sich erst seit wenigen Monaten gekannt, sagte der Kontrahent von Maurice vor Gericht. Warum sie sich nicht mochten und schlecht übereinander redeten, konnte er nicht sagen. Als sie sich wie vereinbart an einer Unterführung in Passau trafen, um den Streit "1 gegen 1" auszutragen, hätten bereits zahlreiche andere junge Leute herumgestanden - etwa 20 Leute sollen dabei zugesehen haben, wie Maurice K. zu Tode geprügelt wurde.

Der inzwischen 16 Jahre alte Gegner von Maurice sagte, er sei auf diesen zugegangen und habe gesagt, er solle aufpassen, was er über ihn rede. "Dann habe ich ihm eine Watschn gegeben." Es wurde geschubst, geschlagen. Beide gingen zu Boden, so schilderte es der Jugendliche. Er habe Maurice in den Schwitzkasten genommen. Dann hätten sie sich aufgerappelt und schlugen weiter. Als er erneut zu Boden ging, habe Maurice ihn treten wollen. Wie es weiterging, konnte er nicht genau sagen. Es sei eine Frau mit Hund gekommen und habe gedroht, die Polizei zu rufen. Da sei er mit anderen davongelaufen, Maurice ebenso, sagte der 16-Jährige.

Später am Abend, als ihn die Polizei daheim abholte, habe er von dessen Tod erfahren. Einer der Angeklagten, ein 17-Jähriger, ließ über seinen Anwalt mitteilen, wie er versucht habe, Maurice abzuhalten, als dieser mit dem Fuß gegen den am Boden liegenden Kontrahenten ausgeholt habe. Es kam zu einem Gerangel, in das sich zwei Cousins des 17-Jährigen einmischten. Der Ältere der Cousins, ein 25-Jähriger, verpasste Maurice nach eigener Aussage dann je einen Faustschlag gegen die Schläfe und in die Nieren. Als die Frau mit Hund auftauchte, seien sie abgehauen.

Maurice K. erstickte an seinem eigenen Blut

Zu Prozessbeginn zogen sich die Angeklagten die Kapuzen ihrer Sweatshirts ins Gesicht oder versteckten sich hinter Aktenordnern. Die Angeklagten wirkten angespannt, die noch Minderjährigen unter ihnen wurden von Erziehungsberechtigten begleitet. Angeklagt sind fünf deutsche Jugendliche und Männer im Alter zwischen 15 und 25 Jahren sowie ein 22-jähriger Pole. Die Staatsanwaltschaft wirft fünf der Verdächtigen unter anderem Körperverletzung mit Todesfolge und einem sechsten Beihilfe vor. Zwei verweigerten die Aussage, zwei ließen ihre Anwälte eine Erklärung verlesen und zwei machten selbst Angaben zum Geschehen. Unklar ist, wer den tödlichen Schlag gegen Maurice ausführte. Der 15-Jährige hatte nach einem Nasenbeinbruch Blut eingeatmet und war daran erstickt. Maurice K. starb noch am Abend nach der Schlägerei im Klinikum Passau.

Kein Angeklagter hat sich bis heute bei der Mutter von Maurice entschuldigt

08.11.2018, Bayern, Passau: Die Angeklagten sitzen neben ihren Verteidigern im Verhandlungssaal im Landgericht. Sieben Monate nach dem Tod eines Schülers bei einer Schlägerei in Passau müssen sich mehrere Tatverdächtige vor Gericht verantworten. Die
Die Angeklagten sitzen neben ihren Verteidigern im Verhandlungssaal im Landgericht.
© dpa, Armin Weigel, awe

Gegenüber von den Angeklagten saß die Mutter des Opfers als Nebenklägerin im Gerichtssaal. Sie war an jenem Tag zufällig in der Nähe des Tatorts und kam gerade hinzu, als der Notarzt versuchte, ihren Sohn zu reanimieren. Wie der Anwalt der Mutter, Armin Dersch, gegenüber unserem Reporter erklärte, setzt es der Mutter des Opfers besonders zu, dass sich bis heute kein Angeklagter bei ihr für den Tod ihres Sohnes entschuldigt hat. Die Täter scheuten im Gerichtssaal jeglichen Blickkontakt.

Für das Verbrechen einer Körperverletzung mit Todesfolge sieht das Gesetz für erwachsene Straftäter Freiheitsstrafen von drei bis 15 Jahren vor. Für die jugendlichen und heranwachsenden Angeklagten gelten abweichende Regelungen. Der Prozess ist bis Mitte Januar 2019 angesetzt.