Prozess um totgeprügelten Niklas (17): Zeuge belastet Hauptangeklagten schwer

19. Februar 2017 - 9:07 Uhr

"Mit voller Wucht gegen den Kopf getreten"

Der Fall erschütterte ganz Deutschland: Im Mai 2016 wird der siebzehnjährige Niklas im Bonner Stadtteil Bad Godesberg auf dem Heimweg von einem Konzert verprügelt. Als er schon am Boden liegt, soll er noch einen Tritt gegen den Kopf erhalten haben. Der Schüler stirbt wenige Tage später an den Folgen. Jetzt ist der Prozess fortgesetzt worden. Ein Zeuge hat den Hauptangeklagten (21) in der Verhandlung schwer belastet.

Der Zeuge, der die Tatnacht unmittelbar miterlebte, schilderte vor der Kammer des Bonner Landgerichtes detailliert die Geschehnisse. Er gehörte demnach zu der vierköpfigen Freundesgruppe, mit der Niklas damals unterwegs war. Er sagte aus, der 21 Jahre alte Angeklagte habe Niklas zunächst mit einem Faustschlag niedergestreckt. Der 17-jährige Niklas sei ohne Regung zu Boden gefallen und habe bewusstlos gewirkt. Dann habe der Beschuldigte ausgeholt und Niklas "mit voller Wucht gegen den Kopf getreten".

Der Attacke auf den 17-Jährigen sei eine Auseinandersetzung mit einer anderen Gruppe Jugendlicher vorausgegangen, gab der Zeuge an. Er erkannte auch den ebenfalls 21 Jahre alten Mitangeklagten wieder. Dieser soll den Zeugen und eine der zwei jungen Frauen aus der Clique geschlagen haben. Auch eine 19-Jährige sagte aus. Sie habe zwar gesehen, wie Niklas geschlagen und getreten wurde, könne aber keine Angaben zu dem Täter machen. "Den habe ich nie richtig von vorne wahrgenommen", sagte die junge Frau. Sie sei sich aber nahezu sicher, dass der Mitangeklagte sie in der Nacht geschlagen habe.

Der Hauptangeklagte bestreitet, überhaupt am Tatort gewesen zu sein. Die Verteidigung der beiden Angeklagten hielt dem Zeugen vor, die Beschuldigten in Polizeivernehmungen nach der Tat zunächst nicht zweifelsfrei wiedererkannt zu haben. Bereits eine Woche zuvor waren Zeugen aus der Tatnacht vernommen worden. Sie erkannten den 21-Jährigen nicht zweifelsfrei wieder.

Angeklagt ist der junge Mann nicht wegen Totschlags, sondern wegen Körperverletzung mit Todesfolge. Die Staatsanwaltschaft sieht keinen Tötungsvorsatz. Ein rechtsmedizinisches Gutachten hatte ergeben, dass Niklas' Gefäße im Gehirn vorgeschädigt waren, so dass schon ein nicht allzu wuchtiger Schlag gegen seinen Kopf ausreichte, um seinen Tod herbeizuführen. Der Tritt spielte demnach wohl keine Rolle mehr. Dem gleichaltrigen Mitangeklagten, der an der Schlägerei beteiligt gewesen sein soll, wird Körperverletzung vorgeworfen. Er soll einer Begleiterin von Niklas seine Faust gegen den Kopf gehauen haben. Der Prozess wird am Freitag mit der Befragung einer weiteren Zeugin fortgesetzt.

Fall "stellvertretend für die Situation im Land"

ARCHIV - Der Hauptangeklagte Walid S. und sein Anwalt Martin Kretschmer sitzen am 20.01.2017 im Landgericht in Bonn (Nordrhein-Westfalen). Im Prozess um den Tod des verprügelten Schülers Niklas soll am Mittwoch am Bonner Landgericht ein Hauptbelastun
Prozess um Fall Niklas: Der Hauptangeklagte Walid S. und sein Anwalt Martin Kretschmer sitzen am 20.01.2017 im Landgericht in Bonn.
© dpa, Rolf Vennenbernd, ve mhe fpt

Die Ermittler gehen davon aus, dass in jener Nacht am Bahnhof zwei Gruppen aufeinandertrafen - auf der einen Seite Niklas und seine Freunde, die auf dem Heimweg von einem Konzert waren. Auf der anderen Seite eine Gruppe junger Männer, darunter die Angeklagten.

Die Prügelattacke hatte weit über Bonn hinaus Aufsehen erregt. Niklas blieb kein namenloses Opfer. Noch heute stehen am Tatort Kerzen, Bilder und ein Kreuz mit seinem Namen. Der Bad Godesberger Pfarrer Wolfgang Picken hat das Kreuz aufstellen lassen. Picken versucht sich an einer Antwort, warum der Fall so viele Menschen bewegt. Bad Godesberg sei wie ein Brennglas der Gesellschaft, sagt der Pfarrer. Im einstigen Nobelviertel der alten Bundesrepublik gebe es heute große soziale und kulturelle Unterschiede. "Eigentlich steht es stellvertretend für die Situation im Land".