2017 M05 18 - 13:53 Uhr

Wer ist schuld an der Schlecker-Pleite?

Bis vor einigen Jahren galt Anton Schlecker als DER Drogerie-König in Deutschland. In nahezu jedem Dorf und jeder Stadt gab es eine Filiale. Als die Konkurrenten 'DM' und 'Rossmann' auf den Markt drängten, verlor Schlecker allmählich seine Monopolstellung. 2012 folgte dann die große Pleite. Seitdem beschäftigt sich das Landgericht Stuttgart mit der Frage, wer dafür verantwortlich ist. Die Staatsanwaltschaft beschuldigt den von der Öffentlichkeit stark abgeschirmt lebenden Anton Schlecker des vorsätzlichen Bankrottes.

Nun die überraschende Wende im Prozess: Vor Gericht sagte der Finanzchef Sami Sagur aus. Unglaublich: Für ihn tragen die Mitarbeiterinnen die Schuld am Untergang des Unternehmens.

Will sich der Schlecker-Clan aus der Verantwortung stehlen?

​Das Landgericht Stuttgart ist auf der Suche nach dem juristisch Schuldigen für die Schlecker-Pleite. Bislang im Fokus: Familienpatriarch Anton Schlecker (72), seine Ehefrau und seine Kinder. Schließlich geht die Staatsanwaltschaft davon aus, dass der einstige Drogerie-König wusste, dass das Ende seines Unternehmens nahte und noch rasch Geld beiseite schaffte.

Finanzvorstand Sami Sagur lieferte dem Gericht am 15. Mai jedoch alternative Schuldige: die Mitarbeiterinnen. Angeblich habe sich die Gewerkschaft nämlich nicht auf die angeblich so dringend notwendigen Gehaltskürzungen einlassen wollen. Das hätte den Bankrott von Schlecker vorangetrieben. "Es ist üblich, dass bei einer Sanierung alle einen Beitrag leisten müssen", zitiert die 'Bild'-Zeitung den Finanzvorstand.

Eine klare Kritik an den Mitarbeitern. Ob diese berechtigt ist? Noch zwei Monate vor der Insolvenz im Januar 2012 hatte der Konzern den Mitarbeitern Weihnachtsgeld überwiesen. Vor Gericht erklärte Sagur, dass er das gerne verhindert hätte, sich aber die Gewerkschaft sich dagegen gewehrt hätte.

Sagur behauptet jedenfalls, dass die Insolvenz der Drogeriemarktkette hätte verhindert werden können. "Am Ende mussten wir Insolvenz anmelden wegen einer geplatzten Lastschrift", erklärte er vor Gericht. Seit 2010 war er im Schlecker-Konzern als Finanzchef tätig, deswegen tritt er im Bankrottprozess gegen die Familie Schlecker als Zeuge auf.

Mitarbeiterinnen sollen Erfolg einer Unternehmens-Sanierung im Weg gestanden haben

Meike Schlecker, member of the owner family of Germany's biggest drug store chain, Schlecker and Schlecker CFO Sami Sagur (L) attend a news conference at the company's headquarters in Ehingen near Stuttgart January 30, 2012. Schlecker is seeking prot
Sami Sagur bei einer Unterredung mit Meike Schlecker, der Tochter des Drogerie-Königs Anton Schlecker.
© REUTERS, MICHAEL DALDER

​Im Gericht kamen die Aussagen des Finanzchefs gar nicht gut an, wie die 'Bild'-Zeitung berichtet. Tatsächlich wirkt es etwas fragwürdig, dass nun die Schlecker-Mitarbeiterinnen eine wesentliche Schuld für die Pleite tragen sollen. Schließlich deutete sich bislang im Prozess an, dass Probleme verschleppt wurden und die Sanierung des Konzerns dann nicht den gewünschten Effekt hatte.

Doch auch hier nimmt Finanzchef Sagur offenbar die Mitarbeiter ins Visier: In seinem ersten Dienstjahr - also 2010 - machte der Konzern rund 2.000 Filialen dicht, wie die 'Bild'-Zeitung berichtet. Viele Mitarbeiterinnen wurden damals entlassen und bekamen Abfindungen ausgezahlt. Angeblich waren diese höher als gesetzlich vorgeschrieben. An die genauen Summen konnte sich Sagur aber vor Gericht nicht erinnern. Daraus hätten sich für den Schlecker-Konzern erhebliche Nachteile ergeben. ​

Anton Schlecker soll Gläubiger um 25 Millionen Euro gebracht haben

ARCHIV - Ein Schild mit der Aufschrift "Schlecker" hängt am 06.03.2017 in Penzlin (Mecklenburg-Vorpommern) an einer früheren Verkaufsstelle von Europas ehemals größter Drogeriekette, die im Januar 2012 Insolvenz angemeldet hat. (zu dpa-Berichterstatt
Aller Versuche, den krisengebeutelten Konzern zu sanieren, scheiterten.
© dpa, Bernd Wüstneck, bwu hpl

​Im Prozess war bereits mehrfach beschrieben worden, dass das Geld bei Schlecker üblicherweise Anfang des Jahres knapp wurde, weil neben dem laufenden Betrieb auch die Weihnachtsware bezahlt werden musste. Angesichts der Millionen-Verluste, die Schlecker im Jahr 2011 angehäuft hatte, wurde das Anfang 2012 aber zum großen Problem.

Der frühere Finanzchef behauptet, dass die Pleite hätte abgewendet werden können. So sei ein Warenhaus in Ehingen verkauft worden, um den Engpass zu überbrücken. Die 30 Millionen Euro trafen aber zu spät auf dem Konto ein. Ein wichtiger Kreditgeber und ein Kreditversicherer waren nicht mehr bereit, weitere Risiken zu tragen. Die Drogeriemarktkette musste Insolvenz anmelden.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass es weitaus schlechter um Schlecker bestellt war und schon Ende 2009 die Zahlungsunfähigkeit drohte. In dem Prozess wirft die Anklage Anton Schlecker auch vor, dem Zugriff der Gläubiger Vermögenswerte in Höhe von mehr als 25 Millionen Euro entzogen zu haben.