Prozess um krankes Flüchtlingskind: Angeklagte freigesprochen

Der kleine Flüchtlingsjunge erkrankte 2011 an einer lebensgefährlichen Bakterieninfektion.
Der kleine Flüchtlingsjunge erkrankte 2011 an einer lebensgefährlichen Bakterieninfektion.
© dpa, Daniel Karmann

28. Mai 2015 - 14:08 Uhr

Vater habe die Sache "im Nachhinein dramatisiert"

Freispruch für die Angeklagten im Fall eines kranken Flüchtlingskindes, dem nicht geholfen wurde. Im Dezember 2011 erkrankt ein kleiner Junge in der Flüchtlingseinrichtung im fränkischen Zirndorf an einer lebensgefährlichen Bakterien-Infektion. Der damals Eineinhalbjährige bekommt schwarze Flecken auf Gesicht und Händen. Die Eltern flehen mehrere Mitarbeiter der Einrichtung um Hilfe an - sie wollen, dass ein Notarzt gerufen wird. Stattdessen schicken die Mitarbeiter die Familie nach langem Hin und Her zu Fuß und mit einem schlecht kopierten Stadtplan zu einer fast zwei Kilometer entfernten Kinderärztin.

Nach Ansicht des Landgerichts Nürnberg haben sich die Mitarbeiter der Flüchtlingseinrichtung sowie ein am Abend gerufener Bereitschaftsarzt nichts zuschulden kommen lassen. Oder zumindest kann man es ihnen mehr als drei Jahre später nicht mehr zweifelsfrei nachweisen. Die Erkenntnisse reichten für eine Verurteilung nicht aus, sagt der Richter. Es habe zu viele Widersprüche gegeben, die auch die Zeugen nicht hätten aufklären können. Auch für den Arzt sei an dem Abend noch nicht erkennbar gewesen, dass die Krankheit des Kindes so schwerwiegend war. Möglicherweise seien auch am nächsten Morgen die Flecken für die Pförtner nicht zu sehen gewesen - zumal der Junge in eine Decke gewickelt war. Die beiden Pförtner "konnten den Jungen bei dieser Kälte auch nicht entkleiden lassen". Der Richter kommt daher zu dem Schluss, der Vater des kranken Kindes habe die Sache wohl "im Nachhinein dramatisiert".

"Miserable Organisation, unzureichende medizinische Ausrüstung"

In erster Instanz waren die Wachmänner noch zu Geldstrafen wegen fahrlässiger Körperverletzung verurteilt worden. Den Arzt hingegen sprach auch das Amtsgericht Fürth frei. Das Verfahren gegen eine weitere Mitarbeiterin der Einrichtung, die zunächst ebenfalls verurteilt worden war, wurde vor dem neuen Prozess abgetrennt. Ein Autofahrer war damals zufällig an der Familie vorbeigekommen und hatte sie in die Arztpraxis gebracht. Die Kinderärztin rief sofort den Notarzt. Es stellte sich heraus, dass der Junge eine Meningokokken-Infektion hatte. Die Bakterien lösten das sogenannte Waterhouse-Friderichsen-Syndrom aus. Dabei gerinnt das Blut - und die Haut oder anderes Gewebe sterben ab.

Zuerst bekam das Kind hohes Fieber, dann wurde es apathisch und bekam dunkelblaue Flecken auf der Haut. Es wurde in ein künstliches Koma versetzt, mehrfach operiert und musste mehrere Amputationen und mehr als ein Dutzend Hauttransplantationen über sich ergehen lassen. Der Junge überlebte nur knapp. Ein Gutachter sagte in der Verhandlung, dass diese Erkrankung selbst bei Behandlung in 90 Prozent der Fälle tödlich verläuft. Tückisch sei, dass die Symptome am Anfang sehr unspezifisch seien und die Krankheit daher oft spät erkannt wird.

Der Staatsanwalt forderte in seinem Plädoyer erneut Geldstrafen für die Männer: Der Arzt habe nicht sichergestellt, dass das Kind in der Nacht engmaschig überwacht wurde. Zu den Pförtnern sagte der Ankläger: "Sie haben nicht wirklich geschaut, doch das wäre ihre Aufgabe gewesen." Der Anwalt der Eltern beklagte gravierende Mängel in der Einrichtung: eine "miserable Organisation, unzureichende medizinische Ausrüstung und nachts keine eindeutigen Zuständigkeiten". Er habe daher auch fast Mitleid mit den Pförtnern: "Sie sind diejenigen, die hier etwas ausbaden müssen, weil die Organisation so schlecht war." Zumindest im Fall des Arztes will er nun eine Revision prüfen.