Prozess in Stendal: Warum musste Emily (†1) sterben?

28. Juli 2015 - 14:24 Uhr

Fingerabdrücke im Gesicht

Im Februar starb die 18 Monate alte Emily an den Folgen brutaler Misshandlungen. Vor dem Landgericht Stendal muss sich nun die 20-jährige Stiefmutter des Kindes wegen Misshandlungen und Körperverletzung mit Todesfolge verantworten. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Katja B. für den Tod des Kindes verantwortlich ist.

Stiefmutter soll Emily (†1) getötet haben
In Stendal muss sich Emilys 20-jährige Stiefmutter für den Tod des Kleinkindes verantworten.
© dpa, Jan Helmecke

Schon Wochen vor der Tat waren mehreren Zeugen blaue Flecken im Gesicht des Mädchens aufgefallen. Niemand glaubte jedoch, dass die Angeklagte das Kind geschlagen haben könnte. Dann eskalierte die Situation offenbar, und Emily wurde am 2. Februar so brutal geschlagen und geschüttelt, dass sie wenig später im Krankenhaus an einer Hirnblutung starb. Bei der Leiche des Kindes waren sogar noch Fingerabdrücke im Gesicht erkennbar. Katja B. war an diesem Tag alleine mit dem Kind zuhause.

Trotz der offenkundigen Anzeichen will niemand etwas von den Misshandlungen gewusst haben. Emilys Vater Patrik F. erklärte vor dem Prozess, er habe die Tat seiner damaligen Lebensgefährtin nicht zugetraut. "Meine Ex-Lebensgefährtin hat uns so gut geblendet. Das war schon professionell", sagte er in einem RTL-Interview. Der 30-Jährige, der viel unterwegs und oft auf Montage war, hatte das Mädchen in der Obhut seiner Lebensgefährtin gelassen.

"Das war alles glaubwürdig"

"Sie hat sich eigentlich gut drum gekümmert", sagte auch ein 38-jähriger Bekannter der Angeklagten vor Gericht aus. Zwar seien auch ihm die blauen Flecken aufgefallen, doch Katja B. habe gesagt, das Kind sei hingefallen oder habe sich mit Bauklötzen verletzt. "Das war alles glaubwürdig", meint auch eine 27-jährige Freundin der Angeklagten. "Ich hätte nie gedacht, dass da was anderes gewesen wäre."

Auch das Jugendamt, das die junge Familie betreute, hat nichts unternommen, um die kleine Emily zu retten. Vor Gericht soll nun auch geprüft werden, warum die Verantwortlichen nicht durchgegriffen haben.

Patrik F. ist ebenfalls angeklagt. Ihm wird Unterlassung vorgeworfen. Er hatte das Kind in der Obhut der überforderten 20-Jährigen gelassen, obwohl er von früheren Misshandlungen gewusst haben soll. Kurz nach dem Tod seiner Tochter sagte der 30-Jährige im Interview: "Ich habe ihre Hand geküsst und gesagt ich muss jetzt gehen, ich habe keine Kraft mehr. Egal was ich dieser Person antun könnte, das bringt mir meine Emily nicht zurück. Ich muss jetzt mit dem Staat zusammen kämpfen, dass sie die gerechte harte Strafe kriegt."

Das Gericht muss nun klären, wer die Verantwortung für den Tod des kleinen Mädchens trägt und warum so viele Leute die Warnzeichen nicht erkannt haben. Im Falle einer Verurteilung drohen der Stiefmutter Katja B. bis zu zehn Jahren Haft. Bisher schweigt die junge Frau zu den Vorwürfen. Ein Antrag der Verteidigung auf Ausschluss der Öffentlichkeit während des Prozesses wurde abgelehnt. Die Belastungen seien für die Angeklagte hinnehmbar, entschied der Richter.