Mutter vor Gericht

Ließ Sabine L. aus Hildesheim ihre Söhne hungern?

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15. Juni 2021 - 12:18 Uhr

7-Jähriger soll nur noch 13,8 kg gewogen haben

Eine 60-jährige Frau aus Sarstedt muss sich seit Montag vor dem Landgericht Hildesheim verantworten. Während des Schulausfalls im ersten "Lockdown" soll die Angeklagte aus Überforderung und Ärger über sein Verhalten ihrem damals 7-jährigen Sohn Essen entzogen haben, sodass der Junge andauernd hungern musste. "Da er nun nicht mehr in der Schule ging, habe er auch nicht wie zuvor seine Mitschüler nach Essen fragen können. Das ohnehin auffällig kleine und dünne Kind soll dadurch zunehmend an Gewicht verloren haben und im Juni 2020 lediglich noch 13,8 kg gewogen haben", heißt es in der Pressemitteilung des Landgerichts.

Kind war im Schrank eingesperrt

Sabine L. muss sich am Landgericht Hildesheim wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen mit gefährlicher Körperverletzung verantworten.
Sabine L. muss sich am Landgericht Hildesheim wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen mit gefährlicher Körperverletzung verantworten.
© RTL Nord

Die Staatsanwaltschaft wirft Sabine L. vor, dass sie den Lebensmittelschrank abgeschlossen habe. Wenn sie die Wohnung verließ, soll sie den kleinen Jungen im Badezimmer eingeschlossen haben. Laut Anklage hat die 60-Jährige auch mit einer Thermoskanne auf seinen Kopf geschlagen. Dabei soll der damals 7-Jährige schwer verletzt worden sein. Als die Schule im Juni 2020 wieder losging, wurde der Junge laut Landgericht Hildesheim direkt krank gemeldet. Das Jugendamt wurde verständigt. Die Mutter habe der Jugendamt-Mitarbeiterin jedoch nicht geöffnet und soll gesagt haben, ihr Sohn sei bei einem Bekannten. Gerufene Polizeibeamte sollen das Kind dann in einem Schrank eingesperrt gefunden haben.

"Der Kühlschrank war voll, das hat das Jugendamt bestätigt."

Sabine L. sagt am Landgericht Hildesheim aus. Zuerst sei mit ihrem Sohn alles gut gewesen, doch irgendwann hatte sie das Gefühl, dass er sich nicht wohl fühlte, dass irgendetwas ist. Sie sei verzweifelt und hilflos gewesen und habe dann den Tipp von einem Bekannten bekommen, mal eine Mahlzeit wegzulassen. Sie selbst habe auch nichts gegessen und war auch abgemagert, erzählt sie weiter, aber "der Kühlschrank war voll, das hat das Jugendamt bestätigt." Der Vorratsschrank war abgeschlossen, damit der Kleine nicht so viel Süßigkeiten isst, führt sie weiter aus. Sie weiß, dass sie Fehler gemacht hat, erzählt sie unter Tränen.

Laura Elaine Hoffmann vertritt den Jungen als Nebenklägerin am Landgericht und erzählt im RTL-Interview: "Viele Aspekte können wahrscheinlich erst in Zukunft auf Grund einer Traumatisierung auftauchen. Aber grundsätzlich ist erstmal festzuhalten, dass es ihm den Umständen entsprechend gut geht, weil er ja jetzt sozusagen in Sicherheit ist." Die Nebenklägerin hebt positiv hervor, dass sich Sabine L. geständig zeigt, könne aber nicht verstehen, dass ein Mensch, der scheinbar bei klarem Verstand ist, zu so einer Tat imstande sei.

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60-Jährige soll auch älteren Sohn jahrelang misshandelt haben

Bei den Ermittlungen sei außerdem ans Licht gekommen, dass Sabine L. in den Jahren 2004 bis 2007 auch ihren älteren Sohn hungern ließ, ihn häufig einsperrte und für Fehlverhalten bestrafte. Unter anderem habe sie ihm, im Alter zwischen 12 und 15 Jahren, mit einer Gabel in den Arm gestochen, mit einem Messer in die Hand geschnitten, ihn gefesselt und geschlagen. Ihr älterer Sohn sei irgendwann zu seinem Vater gegangen und nicht wieder zu ihr zurück gekommen.

"Es tut mit alles furchtbar leid."

Sabine L. muss sich am Landgericht Hildesheim wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen mit gefährlicher Körperverletzung verantworten.
Sabine L.:"Es tut mir alles furchtbar leid."
© RTL Nord

Sabine L. beteuert am ersten Prozesstag: "Es tut mir alles furchtbar leid." Mehrmals bricht sie während ihrer Aussage in Tränen aus. Sie erzählt, dass schon ihre Mutter streng erzogen worden sei. Ihr Vater soll Alkoholiker gewesen sein. Ihre Mutter war jähzornig, führt die 60-Jährige in Hildesheim gegenüber der Richterin weiter aus. Sie habe sie auch geschlagen: "Es war schon alles ziemlich schlimm." Sie selbst sei streng zu ihrem erstgeborenen Sohn geworden, als ihre eigene Mutter starb. Sabine L. befindet sich in psychologischer Betreuung – hier arbeitet sie alte Gefühle auf und sie sei "dadurch richtig wach geworden."

Die Verteidigung plädiert für eine Bewährungsstrafe, die Staatsanwaltschaft fordert eine Haftstrafe von mehr als drei Jahren. Ein Urteil könnte Ende Juni fallen. (kum)

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