Prozessbeginn gegen Hamburger Wohnungsbaugenossenschaft

Balkon abgebrochen: Zwei Männer überleben nur knapp

Balkon abgebrochen: Zwei Männer überleben nur knapp
Balkon abgebrochen: Zwei Männer überleben nur knapp
© imago images/Ralph Peters, Ralph Peters via www.imago-images.de, www.imago-images.de

09. November 2020 - 16:42 Uhr

Sturz aus vier Meter Höhe

Es klingt wie eine Horrorvorstellung für jeden, der eine Wohnung mit Balkon hat: Das Geländer bricht weg, während man sich daran anlehnt. Genau das ist zwei Hamburgern vor vier Jahren passiert. Vom ersten Stock fallen sie auf den Boden und verletzen sich schwer. Einer der Männer liegt elf Tage im Koma und ist bis heute bewegungseingeschränkt. Vor dem Amtsgericht Hamburg ist der Prozess gegen zwei Vorstände einer Wohnungsbaugenossenschaft und einen Hausmeister gestartet. Der Vorwurf: Fahrlässige Körperverletzung, weil erforderliche Instandsetzungsarbeiten nicht ausgeführt worden sein sollen.

Opfer des Balkonsturzes Fabian B.: „Ich kann nicht mehr stehen"

Der 16. Juni 2016 verändert das Leben von Fabian B. komplett: Mit Freunden schaut er das Fußball-EM-Spiel Deutschland gegen Polen. In der Halbzeit geht er mit seinen Kumpels zum Rauchen auf den Balkon - aber genau die Raucherpause wird dem damals 25-Jährigen zum Verhängnis: "Ich bin nach hinten gegangen zum Geländer, hörte nur ein Knacken und bin auf einem Tisch gelandet". Aus dem ersten Stock stürzt Fabian B. in die Tiefe und landet erst auf einem Terrassentisch der darunterliegenden Wohnung und dann schwerverletzt im Krankenhaus: Elf Tage liegt er im Koma, zwei Mal muss er operiert werden: "Die ersten zwei Monate hatte ich von der Hüfte abwärts gar kein Gefühl".

Zweieinhalb Jahre sitzt er im Rollstuhl, mittlerweile könne der heute 30-Jährige ein paar Meter gehen: "Ich musste alle meine Hobbys aufgeben, brauche zum Fortbewegen immer ein Auto. Ich habe vorher Fußball gespielt. Vorher bin ich mit Freunden immer in Fußballstadien gegangen – das kann ich nicht mehr. Ich kann nicht mehr stehen". Seit dem Unfall ist der Speditionskaufmann auf die Hilfe anderer angewiesen, musste sich umschulen lassen.

Sein Freund Fabian S., der Mieter der Wohnung, fiel bei dem Horror-Sturz in ein Beet und erlitt Prellungen und eine Verletzung des Ellenbogens.

Welche Schuld trägt die Wohnungsbaugenossenschaft?

Aber wer hat Schuld an diesem Horrorszenario? Hat die Wohnungsbaugenossenschaft die Balkone des Mehrfamilienhauses nicht ausreichend auf Sicherheitsmängel überprüft? Oder hat der Hausmeister erforderliche Arbeiten nicht ausgeführt? Genau diese Fragen müssen vor Gericht noch geklärt werden. Denn noch sei laut Verteidigung der Wohnungsbaugenossenschaft nicht erwiesen, ob das Holzgeländer überhaupt morsch und der Balkon unsicher war. Außerdem stehe noch die Frage im Raum, wer sich in diesem Fall dann darum hätte kümmern müssen.

Fabian B. hofft an den kommenden zwei Folgeterminen zumindest auf Klarheit und eine Entschädigung. Der 30-Jährige musste sich unter anderem mehrere Sportgeräte für zuhause anschaffen, um sich wieder bewegen zu können und ist auf Autos oder Taxis angewiesen, um von A nach B zu kommen. Der Sturz habe sein ganzes Leben zum Negativen verändert: "Die Tatsache, dass mein Leben weniger lebenswert ist – das ist etwas, das kann man gar nicht entschädigen".