Prozess gegen die 'Ndrangheta in Kalabrien

Staatsanwalt Gratteris Kampf gegen die Mafia: Sie wollten ihn in die Luft sprengen

14. Januar 2021 - 12:09 Uhr

Prozess findet im süditalienischen Lamezia Terme statt

Es ist ein großer Schlag gegen die organisierte Kriminalität, aber er bedeutet auch ein großes Opfer für den zuständigen Staatsanwalt Nicola Gratteri. Denn frei leben kann er nicht mehr. Ab Mittwoch stehen im süditalienischen Lamezia Terme in Kalabrien mehr als 300 mutmaßliche Mitglieder und Helfer der Mafia-Organisation 'Ndrangheta vor Gericht. Erwartet werden 900 Zeugen – der Prozess könnte bis zu zwei Jahre dauern. Gratteri bekommt wegen seines vehementen Kampfes gegen die Mafia immer wieder Morddrohungen. Was er zu dem Prozess sagt, zeigen wir im Video.

Nicola Gratteri ist den Mafiosi seit Jahre auf der Spur

Foto Ipp/Albano Angilletta Lamezia Terme 13/01/2021 Inizio maxi processo Rinascita Scott Aula Bunker Lamezia Terme nella foto: il procuratore capo di Catanzaro, Nicola Gratteri all interno dell aula bunker Italy Photo Press - World Copyright *** Phot
„Dieser Prozess ist in vielerlei Hinsicht wichtig“, sagte Nicola Gratteri.
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Für die Verhandlungen in Lamezia Terme wurde extra ein Gebäude als riesiger Hochsicherheitsgerichtssaal hergerichtet. Darin können nach offiziellen Angaben rund 1.000 Beteiligte auch mit dem nötigen Corona-Abstand Platz finden. "Dieser Prozess ist in vielerlei Hinsicht wichtig", sagte Nicola Gratteri vor Beginn der Verhandlungen. Der Mafia-Jäger ist den Bösewichten seit vielen Jahren auf der Spur.

Mafiaexperte Maik Meuser: Gratteri bekommt Morddrohungen

RTL-Mafiaexperte Maik Meuser hat ein Buch über die Mafia in Deutschland geschrieben.
RTL-Mafiaexperte Maik Meuser hat ein Buch über die Mafia in Deutschland geschrieben.
© RTL

Wie RTL-Mafiaexperte Maik Meuser erzählt, habe der gesamte Prozess großen Einfluss auf Gratteris Leben. "Für ihn ist das Teil seines Lebenswerkes. Ich habe ihn tatsächlich 2016 im Sommer getroffen, als er ein paar Monate in Catanzaro zuständig war." Er kämpfe seit 1989 gegen die 'Ndrangheta, sei ein "kalabrischer Sturkopf" wie er sich selbst beschreibe. "Er lebt unter Morddrohungen", so Meuser. "Man hat abgehört, wann und wo er in die Luft gesprengt werden sollte."

Sein Vorbild: ausgerechnet Jurist Giovanni Falcone. Der Italiener kämpfte in den 80er Jahren ebenfalls gegen die Mafia. Die "Cosa Nostra" brachte ihn deshalb um.

RTL-Reporter Udo Gümpel ist in Italien vor Ort

RTL-Reporter Udo Gümpel ist in Süditalien vor Ort, er berichtet: "Es ist ein riesen Erfolg des Staatsanwalts von Catanzaro, Nicola Gratteri, dass er es geschafft hat, 58 der Mitglieder der 'Ndrangheta davon zu überzeugen, gegen ihre eigene Familie auszusagen." Im Video oben erklärt er, welche Bedeutung der Prozess für Italien hat.

"Es gibt zwei Schlüsselfiguren unter den Angeklagten, der eine ist der sogenannte Kokain-König, Mancuso aus Kalabrien, der den kompletten Kokainhandel kontrollieren soll. Und das andere ist eine politische Figur, ein ehemaliger Abgeordneter der Forza Italia, der Berlusconi-Partei und auch Senator", sagt RTL-Mafiaexperte Maik Meuser. Beide sollen enge Verflechtungen haben, unter anderem gehe es um Geldwäsche und Korruption im großen Stil.

'Ndrangheta auch in Deutschland aktiv

Auch in Deutschland läuft derzeit noch ein Verfahren gegen Mitglieder der 'Ndrangheta. Sie sollen mit Hunderten Kilo Kokain gehandelt haben: Der Prozess war eigentlich schon im Oktober vergangenen Jahre gestartet. Wegen der Corona-Pandemie mussten weitere Verhandlungstage allerdings immer wieder verschoben werden.

"Selbst in Deutschland ist die 'Ndrangheta deutlich die stärkste Gruppierung", so Experte Meuser. Der Prozess fand im Hochsicherheitstrakt des Oberlandesgerichts Düsseldorf statt. Fünf der 14 Angeklagten im Alter von 31 bis 56 Jahren sollen Mafiosi sein. Laut Angaben des Gerichts geht es um Handel mit 680 Kilo Kokain. Die Angeklagten, die größtenteils aus NRW kommen, müssen sich in unterschiedlicher Zusammensetzung außerdem wegen der Bildung und Unterstützung einer kriminellen Vereinigung, Geldwäsche, Betrug, Steuerhinterziehung und Verstößen gegen das Waffengesetz verantworten. Der Prozess war vom Duisburger Landgericht aus Sicherheitsgründen nach Düsseldorf verlegt worden.