Sechster Tag im Prozess zum Halle-Attentat

Stephan B. verteidigt „seine“ Waffen und lacht vor Gericht

Stephan B. wird einer der schwersten antisemitischen Anschläge der deutschen Nachkriegsgeschichte vorgeworfen.
Stephan B. wird einer der schwersten antisemitischen Anschläge der deutschen Nachkriegsgeschichte vorgeworfen.
© dpa, Hendrik Schmidt, hsc

25. August 2020 - 18:44 Uhr

Sechs Zeugen vom BKA sind geladen

Der Zuschauerraum ist voll, genauso wie der Tagesplan, den Richterin Ursula Mertens am sechsten Prozesstag nach der Sommerpause vorgibt. Sechs Zeugen sind geladen, die sich zur Wirkung von B.'s selbst gebauten Waffen und Sprengsätzen äußern sollen. Alles BKA-Beamte.

von Anne Schneemelcher

Richterin ermahnt lachenden Angeklagten Stephan B.

Ein BKA-Beamter führt alle selbstgebauten Waffen von B. vor Gericht vor. Er steht mit einer Maschinenpistole in der Hand vor Richterin Ursula Mertens und erklärt, wie man mit der Waffe schießt und welche Probleme es mit den Waffen gibt. Dabei handelt es sich um eine der selbstgebauten Waffen, die Halle-Attentäter Stephan B. bei seinem Anschlag auf die Hallenser Synagoge im Oktober 2019 benutzt hat.

B. selbst hört aufmerksam zu und lässt "seine" Waffe nicht aus den Augen. Hin und wieder kommentiert der Angeklagte auch die Wirkungsweise seiner Waffen und Sprengsätze, sofern der Experte Mängel feststellt. Es scheint, als wolle B. die Waffen verteidigen. Auch die mit den Ladehemmungen. Ab und an lacht B. und wird von der Richterin ermahnt. Hier gibt es nichts zu lachen, sagt sie.

Ursula Mertens ist seit Herbst 2019 Vorsitzende Richterin am Oberlandesgericht Naumburg. Das Verfahren gegen Stephan B., den Attentäter von Halle, ist ihr erster Staatsschutzfall – und er könnte Deutschland noch bis in den November beschäftigen.

Stephan B. posiert in "voller Montur" vor dem Spiegel

Geladen sind sechs Sachverständige des BKA. Sie geben eine Einschätzung zu den selbstgebauten Waffen von B. Man erfährt, dass B. Für den Kauf von Werkzeugen sogar das Konto seiner Mutter belastet haben soll.  

Ein Foto zeigt, wie B. seine Waffen im Bettkasten gelagert haben soll. Für die Sprengsätze hatte er einen anderen Platz, denn der Bettkasten war ihm "zu heikel". Auch ein weiteres Foto wird vor Gericht gezeigt. Man sieht B. in "voller Montur" vor dem Spiegel posieren. Das Bild ist auf den 9. Oktober 2019 datiert. Der Angeklagte hat es kurz vor seiner Tat um 12:55 Uhr in der Wohnung seines Vaters aufgenommen.

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Ausrüstung war 29 Kilo schwer 

Außerdem haben die Sachverständigen alles untersucht und sogar gewogen, was B. während der Tat mit sich führte oder auch zurückgelassen hat. Dabei kam heraus, dass der Täter anfangs am Tatort vor der Synagoge eine Ausrüstung von 29 Kilogramm am Körper getragen haben soll. Dazu zählt auch ein Lautsprecher, über den B. während des Anschlags Musik über einen MP3-Player abspielen konnte. Nach und nach hat er Dinge abgelegt. So betrug das Gewicht seiner Ausrüstung im Umfeld des Döner-Imbiss 22 Kilo, am Ende hatte er 13 Kilogramm an sich.

Darüber hinaus trug B. eine Actionkamera auf seinem Helm, mit der er seine Tat live ins Internet streamte. Das Gericht hat sich einen Screenshot aus dem Video genauer angeschaut und wollte klären, inwieweit. B. hier tatsächlich zwei weitere Frauen im Visier hatte und ob er die Absicht hatte, die Frauen auch zu erschießen. Im Video sagt B., während er versucht, abzudrücken: "klemmt". Die Frauen können fliehen. Ob er die beiden töten wollte, daran kann sich der Angeklagte nicht erinnern. 

Molotowcocktails falsch gemischt - B. kritisiert Gutachten 

Neben den Waffen hatte B. auch Molotowcocktails bei sich. Die Sprengsätze hatte er unter anderem über die Mauer der Synagoge geworfen gehabt. Dort stand ein Pavillon aus Schilfrohr. Bei der Untersuchung der Flüssigkeit stellt eine Chemikerin fest, dass die von B. gemixte Flüssigkeit "gar nicht so einfach" zu entflammen war. Der Täter hat Motoröl und Ottokraftstoff in einer Art Sektflasche gemixt. Doch weil Motoröl einen sehr hohen Brennpunkt hat, war die Flüssigkeit nach Untersuchung der Expertin nur "sehr schwer" zu entzünden. Ein anderer Beamter hat sich mit Kunststoffdosen beschäftigt, die mit einem explosiven Gemisch gefüllt waren. In diesen Dosen wiederum hat der Angeklagte eine Blechdose positioniert, die mit Kugeln gefüllt war.

Die Kugeln sollten bei einer Explosion in alle Richtungen geschleudert werden. Das BKA hat den Sprengsatz nachgebaut und zum Explodieren gebracht. Der Versuch wird vor Gericht in einem Video gezeigt, welches der Angeklagte interessiert verfolgt. Anschließend unterstellt B. den Beamten, dass sie seinen Sprengsatz falsch nachgebaut hätten. Er selbst habe einen anderen Sprengstoff verwendet. Der BKA Beamter räumt ein, dass man zwar einen weniger explosiven Stoff verwendet habe, dafür davon aber mehr. Er ordnet die Sprengsätze als tödlich ein.

Am Ende der Verhandlung meldet sich der Angeklagte noch einmal zu Wort. Er bestätigt, dass er alle Waffen im Schuppen seines Vaters getestet habe. Er hat sie in einen Schraubstock eingespannt. Sogar er hielt es für zu gefährlich, die Waffen beim ersten Schieß-Test zu halten.

Zuschauerin aus rechtem Spektrum verlässt Saal

Auch das Publikum hatte kurzzeitig die Aufmerksamkeit der Richterin. Ein Nebenklage-Anwalt wies darauf hin, dass eine ihm bekannte Rechtsextremistin in der ersten Reihe keinen Mund-Nasen-Schutz trage. Obwohl die Zuschauerin ein Attest wegen Asthma vorweisen konnte, hielt Richterin Mertens das Tragen einer Maske für angemessen. Ihre Begründung: "Sie sitzen hier und gehen keiner körperlichen Anstrengung nach." Die Frau zog zwar eine Maske auf, verließ aber kurz darauf den Gerichtssaal.