Die Angst steht in den Augen der Demonstranten geschrieben

Belarus: Polizei nimmt mehr als 200 Lukaschenko-Gegner fest

28. August 2020 - 11:25 Uhr

Friedliche Demonstranten wurden eingekesselt

Vor einer Sondersitzung der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) zur Lage in Belarus sind in Minsk massenhaft Gegner des autoritären Staatschefs Alexander Lukaschenko festgenommen worden.

Belarussische Sonderpolizei im Einsatz

Proteste in Belarus
Proteste in Belarus: „Die Demonstranten rufen, wir haben keine Angst. Aber Angst haben sie schon, das steht in ihren Augen geschrieben“, beobachtet RTL-Reporter Leontjew.
© RTL

Die belarussische Sonderpolizei OMON ging in der Nacht zum Freitag in der Hauptstadt gegen friedliche Demonstranten vor. Die Menschenrechtsorganisation Wesna sprach von etwa 260 Menschen Festnahmen in Minsk und anderen Städten - deutlich mehr als in den vergangenen Tagen. Auch etwa 50 Journalisten wurde nach Angaben des belarussischen Journalistenverbandes vorübergehend in Polizeigewahrsam genommen. Die meisten seien nach einer Überprüfung ihrer Dokumente wieder freigekommen, teilte der Verband mit. Unter ihnen seien auch ausländische Reporter gewesen, darunter eine Korrespondentin der Deutschen Welle. Ein schwedischer Journalist sollte an diesem Freitag ausgewiesen werden.

Auch unser Reporter Peter Leontjew ist in Minsk. "Die Demonstranten rufen, wir haben keine Angst. Aber Angst haben sie schon, das steht in ihren Augen geschrieben", beobachtet Leontjew.

RTL-Reporter: Menschen sehen Partisanenkrieg kommen, falls sich Putin einmischt

Zuletzt hatten sich die Sicherheitskräfte zurückgehalten. Festnahmen gab es nur noch vereinzelt - nachdem in den ersten Tagen der Proteste nach der umstrittenen Präsidentenwahl am 9. August fast 7.000 Menschen in Gefängnisse auf engstem Raum gesteckt worden waren. Die allermeisten kamen wenige Tage danach auch auf internationalem Druck hin frei.

Präsident Lukaschenko hatte zuletzt ein konsequentes Vorgehen gegen Demonstranten angekündigt. Er werde damit fertig werden - egal, wie sehr seine Gegner versuchten, die Lage im Land zu destabilisieren, meinte er. Am Abend kamen auch zahlreiche Journalisten vorübergehend in Gewahrsam. Auch Leontjew beschreibt seine Situation dort vor Ort als gefährlich.

Die mit schwarzen Gesichtsmasken ausstaffierten Sicherheitskräfte kesselten den Unabhängigkeitsplatz im Zentrum von Minsk ein. Darunter ist auch unser Reporter, der sich nur vom Platz entfernen konnte, weil er sich einer Familie anschloss und sich nicht als Journalist zu erkennen gab.

Hunderte Menschen hatten dort friedlich demonstriert. Sie riefen "Freiheit!" und "Hau ab!". Besondere Angst herrsche davor, dass Putin eingreifen könnte. "Es gibt keine antirussischen Töne auf den Straßen, es sind wirklich Bruderländer. Aber sollte sich Russland militärisch oder polizeilich einmischen, würde es zu einem Partisanenkreig kommen, sagen mir viele Menschen hier", so Leontjew.

Vor allem Männer wurden verhaftet

Vor allem Männer wurden in Gewahrsam genommen und in Gefangenentransportern weggefahren. Die OMON war mit großen grünen Mannschaftswagen ohne Nummernschilder in Hundertschaften angerückt. Mit Lautsprecherdurchsagen wurde vor der nicht genehmigten Demonstration gewarnt - und offen wegen der Teilnahme an der Kundgebung mit Gewalt gedroht.

Zuvor hatte Russlands Präsident Wladimir Putin gesagt, auf Bitten von Lukaschenko eine Reserve mit eigenen Sicherheitskräften für den Fall eines Eingreifens in Belarus gebildet zu haben. Zum Einsatz komme sie aber nur, wenn "die Situation außer Kontrolle" gerate, sagte der Kremlchef dem Sender Rossija 1. Im Moment gebe es aber keinen Bedarf dafür. Russland ist ein enger Verbündeter von Belarus.

Auslöser der Massenproteste war die Wahl vor fast drei Wochen. Der als "letzter Diktator Europas" verschriene Lukaschenko nimmt den Sieg bei der Abstimmung für sich in Anspruch. Das Ergebnis von 80,1 Prozent für ihn nach 26 Jahren an der Macht steht als grob gefälscht international in der Kritik.

Lage in Minsk angespannter als zuvor

Mit der Lage in dem zwischen Russland und EU-Mitglied Polen gelegenen Land befasst sich am Freitag der Ständige Rat der OSZE. Das Gremium mit Vertretern aus 57 Staaten trifft sich auf Initiative des derzeit vorsitzenden Landes Albanien. Der albanische Premierminister Edi Rama wird zu dem Konflikt in Belarus und der möglichen Rolle der OSZE Stellung nehmen.