Projekte gegen Lebensmittelverschwendung: “Umdenken muss stattfinden”

Projekte engagieren sich, damit es Bilder wie diese nicht mehr so häufig gibt.
© dpa, Patrick Pleul

03. September 2015 - 8:34 Uhr

Von Julia Müller

Wir kennen es wahrscheinlich alle - ab und zu, wenn die Augen beim Einkaufen doch ein wenig größer sind als der Magen, kann es vorkommen, dass sich der Kühlschrank im Nachhinein ein wenig mehr füllt, als ursprünglich beabsichtigt. Was nicht gegessen wird, landet in der Tonne. Das allerdings passiert täglich und im großen Stil: Allein die Deutschen werfen jährlich laut WWF um die 18 Millionen Tonnen Lebensmittel in den Müll. Und das, obwohl es laut World Food Programme weltweit 795 Millionen Menschen gibt, die Hunger leiden. Oft sind es die geringsten Abweichungen von der vom Markt festgelegten Norm hinsichtlich Form, Farbe oder Größe, die als Mängel gelten, die vom Baum direkt in die Tonne führen.

"Lebensmittelverschwendung findet auf vielen Ebenen der Vertriebskette statt. Oft bleibt Gemüse schon auf dem Feld liegen, weil es sich für den Bauern nicht lohnt, zu ernten", erklärt Ines Rainer, die mit ihrer Freundin Nicole Klaski einen Supermarkt plant, der "gerettete" Lebensmittel verkauft. Ihr Projekt 'The Good Food' soll durch eine Zweitverwertung helfen, die Lebensmittelverschwendung längerfristig zu reduzieren. Das Ziel ist es, Lebensmitteln nicht nur ihren Wert zurückzugeben, sondern auch der enormen Ressourcenverschwendung entgegen zu wirken und die Menschen für das Thema Lebensmittelverschwendung zu sensibilisieren.

Das könnte eben bei jenen Bauern passieren: "Dort können wir ansetzen und mit Ernteaktionen auch andere Menschen dazu bewegen, wieder aufs Feld zu gehen, um zu sehen, wo ihre Lebensmittel eigentlich herkommen. Wie viel Arbeit und Liebe in das Gemüse geflossen ist und dann festzustellen, wie absurd es ist, dieses Gemüse nicht für seinen eigentlichen Zweck, den Verzehr, zu nutzen."

Neben einem Standardsortiment wird es eine große Produktpalette von Obst und Gemüse geben, das nicht der Norm entspricht und aus diesem Grund nicht in herkömmlichen Märkten verkauft wird. Darüber hinaus sollen auch verpackte Lebensmittel nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums verkauft werden. Hierbei muss selbstverständlich die Lebensmittelsicherheit gewährleistet sein. Aus rechtlicher Sicht ist der Verkauf von abgelaufener Ware erlaubt, man muss lediglich die Kunden darauf hinweisen, dass das Produkt bereits abgelaufen ist: "Dabei empfinden wir es allerdings auch als Aufgabe, den Menschen zu vermitteln, dass sich der Wert von Lebensmitteln nicht nur über den Preis definiert", so Nicole Klaski.

Die beiden Freundinnen haben beobachtet, dass das Thema Lebensmittelverschwendung in der Gesellschaft eine immer größere Aufmerksamkeit bekommt und auch immer mehr Menschen etwas dagegen unternehmen möchten. Mit ihrer Geschäftsidee wollen sie es jedem ermöglichen, aktiv etwas gegen die immense Verschwendung zu tun und gleichzeitig bis zu 30 Prozent des Normalpreises zu sparen. Eine Besonderheit von 'The Good Food' wird das Überraschungssortiment sein, da kaum planbar sein wird, wann genau welche Lebensmittel im Überschuss vorhanden sind.

Trotzdem bekommen die Kölnerinnen auch Gegenwind. "Wir hören manchmal, dass durch das Engagement von Organisationen wie uns, zu wenig Lebensmittel für die Bedürftigen übrig blieben. Da möchten wir ganz entschieden dagegen halten", so Klaski. Bei dem Ausmaß von Lebensmittelverschwendung, wie sie in Deutschland stattfindet, sei das unmöglich: "Es ist dringend nötig, dass mehr Leute aktiv werden. Da ist genug für alle dabei! Ein Umdenken muss stattfinden und das können wir nur mit Aufklärung und Aktivismus erreichen."

Restaurant als Forum, um auf das Problem aufmerksam zu machen

Ein anderes Projekt nimmt gerade in Berlin Farbe an: Dort soll im Herbst ein Restaurant eröffnen, in dem zum Wegwerfen bestimmte Lebensmittel verarbeitet werden sollen. "Wir wollen mit Lebensmitteln kochen, die es verdient haben, auf dem Teller statt in der Tonne zu landen", sagte die Vorsitzende des Vereins 'Restlos glücklich', Leonie Beckmann.

Lebensmittelverschwendung hat ihre Kollegin Anette Keuchel schon immer persönlich berührt und auch wütend gemacht. Als sie dann durch einen Zeitungsartikel auf das Restaurant 'rub&stub', dänisch für 'restlos alles', in Kopenhagen aufmerksam wurde, wo mit Lebensmitteln gekocht wird, die eigentlich in der Tonne landen, dachte sie sich: "Das kann ich auch". Also ging es kurzerhand samt Familie nach Dänemark: "Da waren wir, mein Mann und ich, noch viel mehr begeistert und es war uns sofort klar - so etwas braucht Berlin auch! Ein Restaurant ist doch ein wunderbares Forum, um auf dieses dringliche Problem auf charmante Art und Weise aufmerksam zu machen."

"Bei den Produkten werden wir darauf achten, ausschließlich gute und genießbare Lebensmittel, die aus den verschiedensten Gründen zu Abfall degradiert wurden, zu verwerten", so Keuchel. Möglich machen das eine Vielzahl von Kooperationspartnern, z.B. ein Bio-Naturhandel und mehrere Landwirte. Oft ist das einzige Manko an ihren Produkten die Form, die Farbe oder die Größe, die nicht den allgemeinen Normen entspricht - an der Qualität ist nichts auszusetzen. Auch hier können sich die Gäste - genau wie bei Nicole Klaski und Ines Rainer - auf Überraschungen gefasst machen, da der Koch die Menüplanung wahrscheinlich immer erst am Abend vorher macht, wenn er die Lebensmittel eingesammelt hat.

'Restlos glücklich' wird inzwischen von einem Kernteam von sechs Personen organisiert. Das soll allerdings nicht zwangsläufig so bleiben: "Da wir möglichst viele Menschen dafür begeistern möchten, haben wir uns für eine Crowdfunding-Kampagne entschieden", so Anette Keuchel.

Die Preise des Restaurants sollen erschwinglich sein und alle Überschüsse in Bildungsprojekte zum Thema Lebensmittelverschwendung fließen. Vielleicht finden sich dann noch mehr Menschen, die etwas gegen den "Wegwerf-Wahnsinn" tun.