Mädchen einfach von Spielplatz mitgenommen

Profiler über Berliner Kinderfänger: "Ich würde da sehr vorsichtig sein"

30. Juni 2020 - 16:57 Uhr

Profiler sieht drei mögliche Szenarien

Was treibt einen Menschen dazu, ein kleines Kind einfach so von einem belebten Spielplatz mitzunehmen? So gerade geschehen am Boxhagener Platz in Berlin. War die Tat sexuell motiviert, der Mann ein pädophiler Triebtäter? Oder ist er - wie die Polizei derzeit annimmt - psychisch krank und konnte die Folgen seiner Handlungen nicht absehen? RTL hat mit Kriminalist und Profiler Axel Petermann darüber gesprochen.

Täter ist wieder auf freiem Fuß

Für Petermann ergeben sich drei mögliche Szenarien. So könne es sein, dass der Mann tatsächlich den Eindruck hatte, dass das kleine Mädchen, das am Tor des Spielplatzes stand, alleine war und Hilfe benötigte. Doch diese These hat eine wesentliche Schwachstelle. "Weshalb geht er nicht auf den Spielplatz zu den Frauen, zu den Müttern hin und fragt?", gibt der Profiler zu Bedenken.

Eine andere Erklärung könne sein, "dass er pädophile Neigungen hatte, die er ausleben wollte". Möglichkeit Nummer drei: "Ist er tatsächlich psychisch krank? Hat er aus einer Verwirrung heraus gehandelt und ist für das, was er getan hat, in gewisser Weise eigentlich gar nicht verantwortlich, weil er nicht erkennen konnte, was er damit angerichtet hat?"

Der Kinderfänger wurde vorläufig festgenommen, nachdem er von einer wachsamen Mutter verfolgt und zusammen mit dem Kioskmitarbeiter Zoran Zivcovic zurück zum Spielplatz eskortiert worden war. Er soll alkoholisiert gewesen sein.

Die Polizei hat den Mann nach kurzer Zeit wieder auf freien Fuß gesetzt. Auf Twitter begründeten die Beamten den Schritt damit, dass es "bislang keine Anhaltspunkte für eine sexuelle Motivation oder eine böse Absicht" gebe, vielmehr sei von einer "psychischen Erkrankung" des Mannes auszugehen. Zudem habe der Mann einen festen Wohnsitz, die Fluchtgefahr sei gering. Das LKA habe die Ermittlungen wegen des Verdachts des versuchten Kindesentzuges aufgenommen. "Der Besuch eines Spielplatzes ist für Familien mit Kindern in Berlin nicht gefährlicher als sonst auch", hieß es in dem Tweet weiter.

"Ich würde da sehr vorsichtig sein"

Doch kann sich die Polizei da sicher sein? Kann schon jetzt abschließend geklärt sein, dass von dem Mann keine Gefahr ausgeht? Die Ermittlungen laufen. Petermann geht davon aus, dass die Polizei Wohnung und Computer des Mannes durchforstet hat und etwa nach kinderpornografischen Dateien, Chats oder entsprechendem Mailverkehr Ausschau hält. Auch eine psychiatrische Untersuchung sei wichtig, um "genau sagen zu können: Es gibt eine Störung – oder er gibt eine solche nur vor", so Petermann. All das benötigt Zeit. Zeit, in der der Mann weiterhin in unmittelbarer Nähe zum Spielplatz lebt.

Ganz unabhängig davon, ob nun eine pädophile Neigung oder eine psychische Störung vorliegt, geht womöglich eine Gefahr von ihm aus. "Wenn ich höre, dass eine psychische Störung vorliegen soll und es dem Mann gelungen ist, mit dem zweijährigen Mädchen wie man auf dem Video sieht sehr vertraut umzugehen – das Kind scheint ja keine Angst zu haben – so ist es ihm ja möglich, sich das Vertrauen des Kindes recht schnell und recht einfach zu erschleichen", meint der Profiler. "Und bei einer psychischen Störung geht die Gefahr immer mit einher, dass derjenige gar nicht erkennt, was er tut und das könnte doch eine Gefahr für das Kind oder Kinder allgemein bedeuten. Deshalb würde ich da sehr vorsichtig sein."

Hat der Mann die Tat von langer Hand geplant?

Kinderspielplatz am Boxhagener Platz in Berlin
Der Spielplatz am Boxhagener Platz in Berlin. Von hier nahm der Mann einfach ein kleines Mädchen mit.
© unbekannt

So sehen es auch viele Eltern. Sie können nicht nachvollziehen, weshalb der Kinderfänger noch nicht aus dem Verkehr gezogen worden ist – sei es in U-Haft oder eine psychiatrische Klinik. Immerhin gibt es ein Handyvideo, das die Tat dokumentiert und Zeugen. "Der Mann hat hier eine Straftat begangen, er hat ein Kind entführt, hat es ohne Einwilligung der Mutter mitgenommen, es mehrere hundert Meter verschleppt. Da hat die Polizei nicht nur das Recht, sondern die Pflicht, zu erforschen: Warum hat dieser Mann das getan? Was sind die Motive?", so Petermann.

Es gelte herauszufinden: "Wie tickt der eigentlich? [...] Welche Hinweise gibt es auf mögliche pädophile Vorlieben? Hat er entsprechendes Material, hat er Kinderkleidung bei sich? Welche Seiten besucht er im Internet, welche Chaträume werden von ihm aufgesucht?" Hat er Vorbereitungen getroffen, eingekauft, damit sich ein Kind bei ihm eine gewisse Zeit lang aufhalten kann? Mit anderen Worten: Hat es sich bei der Tat um "ein einmaliges Verhalten" gehandelt, das in der "Mentalität des Täters" begründet ist, oder hat der Mann gezielt geplant, ein Kind zu entführen? Genau das prüft das Fachkommissariat des LKA1 derzeit. Auch, ob der Mann in eine Klinik eingewiesen wird. Bis dahin bleibt bei den Eltern am Boxhagener Platz in Berlin die Unsicherheit.

So schützen Sie Ihr Kind vor einer Entführung

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