Pressekonferenz zu Germanwings-Absturz: "Wir sind davon überzeugt, dass das Bild des Selbstmords falsch ist"

27. März 2017 - 17:20 Uhr

Günter Lubitz zweifelt daran, dass sein Sohn ein Massenmörder ist

Am 24. März 2014 brachte Copilot Andreas Lubitz den Germanwings-Flug 4U9525 nach Ansicht der Ermittler über den französischen Alpen absichtlich zum Absturz. Er sperrte den Flugkapitän aus dem Cockpit aus und leitete den Sinkflug ein. 150 Menschen starben, als der Airbus an einer Felswand zerschellte. Günter Lubitz zweifelt daran, dass sein Sohn ein Massenmörder ist. Er will in einer Pressekonferenz seine eigene Version präsentieren und erklärt, warum er dafür ausgerechnet den Tag des Absturzes gewählt hat.

Kein "fremdaggressives Verhalten"

Günter Lubitz (l), Vater des Germanwings-Co-Piloten des in den Alpen abgestürzten Flugzeugs, sitzt am 24.03.2017 in Berlin bei einer Pressekonferenz. Am 24.03.2017 jährt sich der Absturz der Germanwings-Maschine 4U 9525 in den südfranzösischen Alpen
Die Teilnehmer der Pressekonferenz, links Günter Lubitz, am rechten Ende des Tisches Gutachter Tim van Beveren.
© dpa, Kay Nietfeld, mkx kno

Günter Lubitz trägt einen schwarzen Anzug, eine graue Krawatte und ein hellblaues Hemd, als er um 10.52 Uhr den Saal des Hotels Maritim in Berlin betritt. Sein Gesichtsausdruck ist neutral, er lässt keine Regung erkennen, als er am Podium Platz nimmt. Eigentlich sollte die Konferenz um 10.30 beginnen - auf die Minute zwei Jahre, nachdem der letzte Funkspruch des Unglücksfluges einging. Doch der Beginn verschiebt sich.

Um 11 Uhr ergreift Lubitz das Wort. Er liest vom Blatt ab. Der hagere Mann mit Kurzhaarschnitt und Brille bedankt sich bei den Anwesenden. Dann beginnt er mit seiner Erklärung für den gewählten Termin. "Natürlich wussten wir, dass sich heute auf den Tag das tragische Unglück zum zweiten Mal jährt. Natürlich haben wir damit gerechnet, dass uns dieser Termin aus der Erfahrung des letzten Jahres übel genommen wird, obwohl uns die Beschimpfungen aufs Neue wehtun", so Lubitz. Und fährt fort: "Egal, welchen Tag wir gewählt hätten: Die Reaktionen wären immer die gleichen gewesen. Wir haben ihn nicht gewählt, um die anderen Angehörigen zu verletzten. Wir haben ihn gewählt, weil er am meisten Gehör für unser Anliegen verspricht."

Sein Anliegen, das bedeutet vor allem, das Bild verändern, die Öffentlichkeit von seinem Sohn hat. Denn der habe zum Zeitpunkt des Absturzes nicht an Depressionen gelitten, so Lubitz. Seit zwei Jahren gehe es ihm, wie allen anderen Angehörigen: "Ich stehe fassungslos dieser Tragödie gegenüber", sagt er. "Dafür gibt es keine Worte und keinen Trost. Es ist schwer, ja fast unmöglich, den unerwarteten Tod eines geliebten Menschen zu begreifen und zu verkraften", sagt er, hält kurz inne und ringt um Fassung. Doch die Trauer von ihm, seiner Frau und seines jüngeren Sohnes sei eine andere - "eine ganz spezielle, die sich von der Trauer aller anderen Angehörigen unterscheidet." Die Familie müsse damit leben, dass ihr Sohn schon zwei Tage nach dem Absturz als Verantwortlicher galt und namentlich genannt wurde. "Wir müssen damit leben, dass er in den Medien als depressiver Massenmörder dargestellt wurde und noch wird, der in suizidiler Absicht ein Flugzeug zum Absturz gebracht hat und dem es angeblich egal war, dass 149 Menschen mit in den Tod gerissen wurden."

Andreas Lubitz habe seine Depression im Jahr 2009 aber überwunden. Die festgestellten Arztbesuche 2014 und 2015 seien ausschließlich wegen seines Augenleidens nötig gewesen. Er habe seinen Sohn in den Jahren vor dem Absturz als "lebensbejahenden, verantwortungsvollen" Menschen erlebt. "Unser Sohn war zum Zeitpunkt des Absturzes nicht depressiv." Kein Arzt oder Therapeut habe damals Suizidgedanken bei seinem Sohn festgestellt, es habe auch keine Hinweise auf ein "fremdaggressives Verhalten" vorgelegen, sagte er.

"Etwas Vergleichbares habe ich in den vergangenen 25 Jahren nicht erlebt"

Ein Bild vom Andreas Lubitz, dem Germanwings-Co-Piloten des in den Alpen abgestürzten Flugzeugs, wird am 24.03.2017 in Berlin bei einer Pressekonferenz seines Vaters Günter Lubitz eingeblendet.  Am 24.03.2017 jährt sich der Absturz der Germanwings-Ma
Während der Pressekonferenz wird im Saal ein Bild von Copilot Andreas Lubitz gezeigt.
© dpa, Michael Kappeler, mkx kno

Da die Familie mit der Akten-Lektüre überfordert war, habe sie den Gutachter Tim van Beveren beauftragt. Er hat die 17.000 Seiten an Ermittlungsakten durchgearbeitet und ein mit Spannung erwartetes Gutachten erstellt. Van Beveren widerspricht den Erkenntnissen der Ermittler, wonach Andreas Lubitz während des Sinkfluges bei Bewusstsein war. Es sei durch Atemgeräusche zwar klar gewesen, dass der Copilot lebte. Aber ob er bei Bewusstsein war, sei nicht festzustellen.

"Nächster Punkt, die Cockpittür. Die Behauptung, er habe den Piloten ausgeschlossen, hält sich sehr hartnäckig. Hat er das wirklich?", so van Beveren. "Es gibt für diese Spekulation überhaupt keinen stichhaltigen Beweis, auch nicht nach einem Jahr akribischer Ermittlungen." Auch ein Defekt am Flugzeug sei nicht auszuschließen. Van beveren habe einen Hinweis bekommen, dass es bei dem Airbus schon einmal ein Problem gegeben und sich die Crew schon mal eingesperrt habe und sich nicht mit Hilfe des Keypads befreien konnte. "Es ist nicht untersucht worden."

Man wisse nicht, was sich vor zwei Jahren abgespielt hat, so van Beveren. "Wir haben alle Vermutungen. Aber Vermutungen sind keine Beweise." Die Ermittler hätten sich schon nach 48 Stunden auf eine Absturzursache festgelegt. "Etwas Vergleichbares habe ich in den vergangenen 25 Jahren nicht erlebt." Er kritisiert, dass bei den Ermittlungen zur Unfallursache nur Ingenieure eingesetzt worden seien, aber keine 'Human Factor'-Experten, die darauf spezialisiert seien, den Faktor Mensch zu analysieren. Diese könnten beispielsweise aus Stimmenrekorder- und Funk-Aufzeichnungen auf Stress schließen. Schließlich verweist van Beveren auf Turbulenzen, die es am 24. März 2015 über dem Absturzgebiet gegeben habe. Solche Luftlöcher seien sehr gefährlich. 

Nach Fragen von Journalisten ist die Veranstaltung um 13.05 Uhr beendet. Sicherheitsleute geleiten Lubitz aus dem Saal.

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"Das hat überhaupt keinen Einfluss auf das Ergebnis der Ermittlungen"

Die Bundesregierung kann all das nicht überzeugen. "Es gibt für uns keinen Anlass, an der Art und den Ergebnissen der Unfalluntersuchungsbehörde zu zweifeln", sagte ein Sprecher des Bundesverkehrsministeriums. Auch die Pilotenvereinigung Cockpit (VC) zeigte sich unbeeindruckt. Zwar habe der VC nicht alle 18.000 Seiten der Flugunfall-Untersucher, sondern nur den offiziellen Bericht gelesen. "Da sind bei unseren Experten bisher aber keine Fragezeichen geblieben."

Ändert sich jetzt etwas an den bisherigen Ergebnissen und der Schuld des Piloten, die festgestellt wurde? "Das hat überhaupt keinen Einfluss auf das Ergebnis der Ermittlungen", so Opferanwalt Elmar Giemulla. "Es gab keine Gegentheorie, die angeboten worden ist, wie denn dieser Unfall passieren konnte."​