Welche Rolle spielt die Corona-Krise?

Zoff über den Mindestlohn: Die Entscheidung wird vertagt

Auch in der Hotelbranche sind viele Beschäftigte auf den Mindestlohn angewiesen.
© dpa, Oliver Berg, obe wst rho fux reh cul dan hpl

30. Juni 2020 - 13:19 Uhr

von Lothar Keller

Berlin, halb eins am Dienstagmittag: Es sollte ein wichtiger Termin für anderthalb Millionen Deutsche werden: Sie hätten erfahren, wie hoch ihr Mindestlohn ab dem kommenden Jahr sein würde. Doch 45 Minuten vorher kam die Absage: Die Pressekonferenz der Mindestlohnkommission findet erstmal nicht statt – "die Beratungen dauern an".

Da hat es offenbar bei der Sitzung ordentlich gekracht zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern.

Gewerkschafter wollen dickes Plus

Jede Seite schickt drei Vertreter in die Kommission. Sie müssen sich alle zwei Jahre einigen, wie stark der Mindestlohn steigen soll. Dabei sollen sie sich an der "Tarifentwicklung" orientieren – also daran, wie stark die anderen Löhne gestiegen sind. Und das ist dieses Jahr wohl das Problem.

Denn 2018 und 2019 gab es bei den Löhnen in Deutschland durchschnittlich 5,4 Prozent mehr. Rechnerisch müsste der Mindestlohn damit von heute 9,35 Euro auf 9,85 Euro steigen. Die Gewerkschaften und die SPD aber wollen mehr – die 10-Euro-Grenze dürfte gerne fallen, für die Zukunft peilen sie sogar 12 Euro an. Und die Gewerkschafter verweisen dabei auch auf jene Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die in der Coronakrise viel Applaus bekommen hätten, und denen jetzt auch mehr Geld zustehe.

Arbeitgeber warnen vor Jobverlusten

Genau andersherum argumentieren die Arbeitgeber: In der Coronakrise sei die Wirtschaft auch so schon stark belastet – deshalb könne man die Lohnsteigerungen aus den guten Jahren 2018/19 jetzt nicht einfach auf die Mindestlöhne übertragen. Sonst wären die Jobs in Gefahr.

Tatsächlich rutscht die deutsche Wirtschaft gerade in die tiefste Krise der Nachkriegszeit, viele Jobs sind schon verloren gegangen. Höhere Löhne könnten für manchen Bäcker oder Friseur zu einem existenziellen Problem werden. Andererseits reichen 9,35 Euro pro Stunde für viele bei weitem nicht, um mit Familie über die Runden zu kommen.

Diese unterschiedlichen Interessen prallen in der Mindestlohnkommission aufeinander – und die Betroffenen müssen wohl noch etwas länger warten, bis sie wissen, mit wie viel mehr Geld sie ab dem kommenden Jahr rechnen können.