Preiswerte Kredite für die kleinen Leute? Wie die Sparkasse ihre Kunden in der Krise vergisst

08. April 2016 - 8:27 Uhr

"Da ist leider nicht immer die große Fachlichkeit das alleinige Auswahlkriterium."

Manager, die trotz Krise und schwacher Bilanz satte Jahresgehälter und üppige Pensionen einstecken; eine fragwürdige Intransparenz gegenüber Bürgern, die Einsicht in die Gewinnausschüttung bekommen wollen; Dispokredite, die eine Angebotsspanne von annähernd sieben Prozent haben – die Sparkassen in Deutschland sind ins Visier investigativer Recherchen geraten. Gemeinsam mit dem unabhängigen Recherchebüro CORRECTIV und der 'FAZ' hat das RTL Nachtjournal die 'Bank der kleinen Leute' unter die Lupe genommen, die zum Sparen anleiten und Kommunen und Städte mit ihren erwirtschafteten Gewinnen fördern soll, schließlich sind es öffentlich-rechtliche Banken.

Preiswerte Kredite für die kleinen Leute? Wie die Sparkasse ihre Kunden in der Krise vergisst
Ist die Sparkasse wirklich immer noch die 'Bank für kleine Leute'?
© dpa, Julian Stratenschulte

Erste Station: die Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe. 10 Millionen Euro kostete der 2009 in Auftrag gegebene Bau einer neuen Zentrale, obwohl die Bank zu diesem Zeitpunkt bereits ein wachsendes Problem mit faulen Krediten hatte. Unter den beiden Vorstandschefs Ulrich Schneidewind und Jürgen Stackebrandt geriet die Bank in eine bedrohliche Schieflage. Die Folge: 2014 fuhr sie einen Verlust von 13 Millionen Euro ein. Jeder 10. Kredit war ausfallgefährdet – eine Summe von 150 Millionen Euro stand auf dem Spiel. Die benachbarte Sparkasse Wesel musste das in Schieflage geratene Haus übernehmen. Und trotzdem genehmigte der Verwaltungsrat den beiden Vorstandschefs noch eine üppige Alterspension. Statt der vom Sparkassenverband empfohlenen 55% des aktiven Gehalts satte 65%.

Die beiden Manager wollen nicht mit dem RTL Nachtjournal darüber sprechen, dafür aber Ralf Witzel, stellvertretender Fraktionschef der FDP im nordrhein-westfälischen Landtag. Seit Jahren schon beschäftigte er sich intensiv mit dem Gebaren der Sparkassen, kennt auch den Fall Dinslaken. "Maß und Mittelmaß sind in Dinslaken offenbar nicht sachgerecht ausgeübt worden", kritisiert er und betont, es sei deshalb wichtig, "dass wir mehr Vergleichbarkeit auch in die Vergütungen der einzelnen Institute vor Ort bekommen." Es mangele an Transparenz und auch an der Qualität der Kontrolle, und das sei ein strukturelles Problem, davon ist Witzel überzeugt. "Es gibt Kontrolldefizite in der Aufsicht von Sparkassen. Kontrollgremien bei Sparkassen sind im Wesentlichen politisch besetzt, von Kommunalpolitikern bestimmt. Und da ist leider nicht immer die große Fachlichkeit das alleinige Auswahlkriterium."

Sparkasse kommt seinem Versprechen nicht nach

Preiswerte Kredite für die kleinen Leute? Wie die Sparkasse ihre Kunden in der Krise vergisst
RTL Nachtjournal-Moderator Maik Meuser deckt gemeinsam mit anderen investigativen Journalisten Missstände bei der Sparkasse auf.
© dpa, Henning Kaiser

Recherchen von CORRECTIV und der FAZ dokumentieren auch, wie üppig und zugleich unterschiedlich die Gehälter von Spitzenmanagern der über 400 Sparkassen 2014 in Deutschland ausfielen: Verglichen etwa mit dem Jahresgehalt der Kanzlerin, das bei rund 270.000 Euro liegt, verdiente selbst der Chef der eher kleinen Kreissparkasse Groß-Gerau Norbert Kleinle mit 459.000 Euro gut zwei Drittel mehr. Herbert Hans Grüntker von der Frankfurter Sparkasse geht sogar mit 752.000 Euro im Jahr nach Hause. Sein Kollege, Alexander Wüerst von der Kreissparkasse Köln verdient 867.900 Euro im Jahr. Beim Vorstandschef der Hamburger Sparkasse dürfte das Gehalt bei fast einer Million liegen, denn im Durchschnitt verdienen die Vorstände an der Elbe 840.000 Euro - ihr Chef deutlich mehr.

Ein Kostenapparat, der den eigentlichen Auftrag der Sparkassen empfindlich erschwert, davon jedenfalls ist Hermann Josef Tenhagen, Chefredakteur 'Finanztip', fest überzeugt: "Das Kernversprechen der Sparkassen, für die kleinen Leute gutes Banking, also preiswerte Kredite und ein bisschen Geld für das Ersparte liefern sie im Moment nicht in dem gewünschten Maße."

Um das Geschäftsgebaren der Sparkassen besser durchleuchten zu können, baute CORRECTIV eine virtuelle Redaktion auf, an der sich auch die FAZ beteiligt und in der mehr als 500 Interessierte Daten über die Sparkassen zusammentragen. Das Ergebnis: eine einmalige Übersicht und Vergleichbarkeit über die Angebote der Sparkassen bis Ende 2014. Und die sind überraschend unterschiedlich:

Für ihren Dispo-Kredit verlangen manche Sparkassen ein Vielfaches von anderen Banken. Die Kreissparkasse Hildburghausen etwa nimmt 12,5%. Die Sparkasse Rotall-Inn sogar 12,55%. Getoppt wird das nur noch durch die Sparkasse Weilburg, die 12,64% einzieht, wenn man den Dispo in Anspruch nimmt. Dass es aber auch anders geht, zeigt die Sparkasse Ludwigsburg mit 8,75%, oder die Kreissparkasse Saarpfalz mit 7,6%. Noch günstiger ist die Sparkasse Jena-Saale Holzland mit 6,85%. Spitzenreiter der Positivliste ist die Sparkasse Holstein mit 5,71%. Insgesamt ermittelte die virtuelle Redaktion für die Dispo-Kredite eine Angebotsspanne von fast sieben Prozent!

Den Sparkassen selbst gefallen diese Recherchen offensichtlich gar nicht. Sie haben ein internes Strategiepapier mit Argumentationsvorlagen für ihre Mitarbeiter erstellt, um diese für weitere Rechercheanfragen zu wappnen.

Merkwürdig wird es schließlich, als RTL Nachtjournal-Moderator Maik Meuser bei seinen Recherchen den Kioskbesitzer Werner Tischer in Lünen trifft. Der Sozialdemokrat engagiert sich für seine Stadt, kümmert sich um den Förderverein der Bibliothek. Als der von der Sparkassen-Stiftung eine Spende von 40.000 bekam, die aber direkt an die Stadt weitergeleitet werden sollte, staunte Tischer nicht schlecht. Öffentliche Gelder, die verschoben werden? - nun wollte Tischer genau wissen, was seine Sparkasse so macht, wofür sie die Gewinne spendet, die im Jahr anfallen.

Nur: Seine Sparkasse wollte ihm das nicht verraten. Erst nach sehr viel Druck und nur im Beisein eines Justiziars durften er und ein Lokaljournalist nachschauen, ohne sich jedoch Kopien bzw. Notizen machen zu dürfen. Für Tischer war klar: Das ist Geldwäsche. Dazu gibt es bis heute keinen Kommentar – weder von der Stadt noch von der Sparkasse.

Moderator Maik Meuser präsentiert am Donnerstag, 7. April, ab 00.15 Uhr ein neues RTL Nachtjournal Spezial (Nacht von Donnerstag auf Freitag). Auch der Nachrichtensender n-tv zeigt die Reportage am Freitag in einem News Spezial um 14.30 Uhr.