21. Juni 2019 - 13:31 Uhr

Ein Kommentar von Heike Boese

Es ist ja nicht so, dass wir keine anderen Probleme haben. Die Klimapolitik zum Beispiel. Der drohende Krieg im Iran. Oder die Chinesen, die an einer neuen Weltwirtschaftsordnung basteln. All diese Fragen brauchen dringend Antworten aus Europa oder wenigstens eine gemeinsame Haltung. Aber nein, Klima und Krieg müssen warten, weil die 28 Staats- und Regierungschefs in Brüssel mal wieder um Posten schachern wie die Kesselflicker. Das versteht doch kein Mensch mehr!

Angela Merkel muss Posten liefern

Die EU-Staats- und Regierungschefs während eines EU-Gipfels
Beim EU-Gipfel in Brüssel konnten sich die Regierungschefs nicht auf Klimaziele einigen.
© dpa, Johanna Geron, VM alh lop

Angela Merkel muss mindestens eine Trophäe mit nach Hause bringen. Entweder den Posten des Kommissionspräsidenten der Europäischen Union oder den Chef der Europäischen Zentralbank.

Manfred Weber, der für Merkels konservative Parteifamilie (EVP) ins EU-Rennen gegangen war, gilt als freundlich aber harmlos. Ihm traut man einfach nicht zu, dass er den Laden in stürmischen Zeiten zusammenhält.

Auf den Chefsessel bei der EZB möchte sie den derzeitigen Bundesbankpräsidenten Jens Weidmann setzen, ein Experte mit unumstrittener Kompetenz, der aber gelegentlich noch undiplomatischer agiert als – sagen wir – Donald Trump.

Merkel verhandelt so lange, bis der Rest erschöpft aufgibt

Weidmann ist kein Mann für Kompromisse und stellt seine eigenen Prinzipien grundsätzlich nicht zur Disposition – beides kommt in Brüssel nicht gut an. Und wie immer, wenn die anderen nicht so wollen wie sie, macht Angela Merkel das, was sie wirklich gut kann: sie verhandelt so lange, bis der Rest der Truppe erschöpft aufgibt. Die anderen Regierungschefs sind nicht besser. Jeder will sich durchsetzen oder seine Zustimmung möglichst teuer verkaufen.

Hitzerekord bewegt, Personalien langweilen

ARCHIV - 25.04.2019, Niedersachsen, Laatzen: Auf einem sehr trockenen Feld in der Region Hannover sind Risse im Boden zu sehen. (zu dpa: "Wetterdienst: Deutschland regional weiter von Dürre geplagt") Foto: Julian Stratenschulte/dpa +++ dpa-Bildfunk +
Ein Hitzerekord nach dem anderen, Flutregen und Dürresommer interessieren jeden.
© dpa, Julian Stratenschulte, jst lop jol

Jetzt könnte man sagen, sollen sie sich streiten. Es ist ja nicht meine Zeit, die verschwendet wird. Doch, irgendwie schon. Wir haben diese Politiker gewählt – und wir bezahlen sie im Übrigen mit unserem Steuergeld dafür – dass sie unsere Probleme lösen. Dass sie Lösungen in der Klimapolitik finden, in der Auseinandersetzung mit China, eine Idee entwickeln, wie die Krise mit dem Iran entschärft werden kann. So gut wie niemanden in meinem Freundes- und Verwandtenkreis interessiert es, wer EU-Kommissionspräsident wird.

Aber ein Hitzerekord nach dem anderen, Flutregen und Dürresommer interessieren jeden. Und bei der wachsenden Kriegsgefahr im Persischen Golf wird einem schon mal mulmig.

Übrigens: über einen neuen EU-Kommissionspräsidenten will man sich jetzt auf einem Sondergipfel am 30. Juni einigen. Da werden dann wieder alle 28 Staats- und Regierungschefs anreisen – viele von ihnen mit dem Flugzeug. Schönen Gruß ans Klima.