Polizistin erschießt Messerstecherin in Jobcenter

19. Mai 2011 - 16:42 Uhr

Kollege rief: "Vorsicht, sie hat ein Messer"

Rot-Weiße Tatortbänder versperren den Weg zum Frankfurter Rhein-Main Jobcenter. An der stark befahrenen Hauptstraße herrscht gespenstische Ruhe. Mitarbeiter versuchen das Gebäude, in dem kurz zuvor eine Polizistin eine Kundin nach einem Messerangriff erschossen hat, möglichst unbehelligt zu verlassen. Der Schrecken steht ihnen noch ins Gesicht geschrieben. "Wir stehen alle unter Schock", sagt einer.

Um kurz nach neun Uhr Morgen fällt der tödliche Schuss. Die 39-jährige Kundin der Jobcenter-Außenstelle für Wohnungslose und Menschen mit Suchtproblemen hat zuvor im Büro eines Sachbearbeiters randaliert. Als eine Polizeistreife eintrifft, greift sie einen Polizisten mit einem Messer an und verletzt ihn schwer. Daraufhin schießt die Kollegin des Mannes "zur Abwehr dieses Angriffs" einmal, wie es in der Mitteilung des Landeskriminalamts und der Staatsanwaltschaft heißt. Die Frau wird so schwer verletzt, dass sie rund eineinhalb Stunden später im Krankenhaus stirbt.

"Hier war alles voll mit Polizei", sagt Emilija Putrimaite vom Blumenladen gegenüber einige Stunden später. Die Mainzer Landstraße sei längere Zeit abgesperrt gewesen. "Und überall waren Schaulustige, die einfach nur gestarrt haben."

Gewalt gegen Polizisten nimmt zu

"Das heute ist ein trauriger Beleg dafür, dass die Gewalt gegen Polizisten zunimmt", sagt der Landeschef der Gewerkschaft der Polizei, Jörg Bruchmüller. Beamte würden bei normalen Einsätzen immer häufiger angegriffen. "Wir werden täglich mit großer Gewalt konfrontiert." Die Polizei allein könne das Problem nicht lösen, nur Aufklärung könne helfen, die Zahl gewalttätiger Zwischenfälle zu senken. "Die Polizei ist nicht der Reparaturbetrieb für die Gesellschaft", verdeutlicht Bruchmüller.

"Die Polizistin steht unter Schock", berichtet RTL-Reporter Benjamin Haller. Die Mitarbeiter des Jobcenters seien völlig aufgelöst. Das Landeskriminalamt hat die Ermittlungen aufgenommen, insbesondere zur Frage der Erforderlichkeit des Schusswaffengebrauchs. Die Beamtin habe ersten Ermittlungen zufolge "klar in Notwehr gehandelt", hieß es bei der Staatsanwaltschaft.

Polizisten schießen in Deutschland nach Angaben der Bundesländer fast jede Woche mit ihren Dienstwaffen auf Menschen. Danach haben Beamte in den Jahren von 1998 bis einschließlich 2009 deutschlandweit 547 Mal gezielt auf jemanden gefeuert. In der Mehrzahl der Fälle sind die Schüsse nicht tödlich. In den genannten 547 Fällen gab es 87 Tote und 309 Verletzte. Meistens handelten Polizisten in einer klaren Notwehrsituation.

Für den 'polizeilichen Schusswaffengebrauch', so der Fachbegriff, gelten eindeutige gesetzliche Regeln. Die Beamten dürfen ihre Waffen nur in Extremsituationen einsetzen. Neben Notwehr als häufigstem Grund ist das Schießen im Ernstfall auch erlaubt, wenn etwa schwere Verbrechen oder die Flucht eines gefährlichen Täters nicht anders zu verhindern sind. Immer muss die Verhältnismäßigkeit gewahrt bleiben. Falls noch möglich, muss der Gebrauch der Waffe angedroht oder ein Warnschuss abgefeuert werden.