Weiterer Fall von Polizeigewalt erschüttert Arizona

Fahrradlicht defekt: Polizei erschießt Jungen (17) - Mutter: "Er sagte, ich soll nicht weinen"

19. März 2021 - 20:07 Uhr

Polizeivideo zeigt Schüsse auf Anthony Cano

Wieder erschüttert ein Fall von Polizeigewalt die USA. Anthony Cano war mit seinem Fahrrad in Chandler (US-Bundesstaat Arizona) unterwegs. Es war dunkel, sein Licht ging nicht. Ein Polizist stoppte ihn, der 17-Jährige rannte weg. Kurz darauf lag der Teenager am Boden, getroffen von zwei Kugeln aus der Pistole des Polizisten, der ihn verfolgt hatte. Drei Wochen später starb Anthony im Krankenhaus. Die Polizei gab an, Anthony hätte mit einer Waffe gedroht – doch ein kürzlich veröffentlichtes Video des Einsatzes spricht eine andere Sprache. Während die Menschen auf die Straße gehen, verklagt seine Mutter die Polizei.

Verfolgungsjagd durch Park in Chandler

Die Bodycam des Polizisten Chase Bebak-Miller zeigt, wie er durch den Gazelle Meadows Park rennt. Kurz darauf erscheint Anthony Cano im Bild. Dann geht alles ganz schnell. Der Teenager bückt sich nach einer Waffe, die er offensichtlich auf seiner Flucht verloren hat. "Waffe gezogen. Auf den Boden!", schreit Bebak-Miller. Anthony schleudert seine Pistole weg und dreht dem Polizisten den Rücken zu. Eine Sekunde danach schießt der dem Jungen in den Rücken. Anthony fällt auf den Bauch, die Pistole ist mehrere Meter entfernt. Bebak-Miller kommt näher, schießt ihm ein weiteres Mal in den Rücken.

Kurz darauf trifft ein zweiter Polizist ein, der Anthony Handschellen anlegt. Der Junge sagt, er habe nur "die Waffe wegwerfen wollen." "Das war dumm", antwortet Bebak-Miller. Bei der Untersuchung des Falles, der sich bereits am 2. Januar ereignete, sagte er der "Phoenix New Times" zufolge, er habe geglaubt, Anthony habe die Waffe auf ihn gerichtet. "Er bemerkt nach dem zweiten Schuss, dass das männliche Subjekt die Pistole nicht mehr hält und sie weggeworfen wurde", heißt es in dem Bericht. Sergeant Jason McClimans sagte dem Bericht zufolge, Bebak-Miller sei während der Untersuchung des Falles in den Innendienst versetzt worden. Er habe "seinen Job gemacht", zitiert das Blatt der Sprecher. "Kein Polizist, den ich kenne, hat jemals geplant, rauszugehen und in einen Schusswaffenvorfall zu geraten."

Anthony Canos Mutter Renee Clum kann nicht verstehen, dass überhaupt geschossen wurde. Sie war bislang nicht in der Lage, sich das Video anzusehen. Aber ihre Familie beschrieb ihr, was dort zu sehen ist. "Er ist weggerannt und wollte entkommen. Er hat sich nicht umgedreht", sagt sie RTL. Sie hat viele Fragen an den Mann, der ihren Sohn erschossen hat. "Wenn Du Angst hattest, weil er eine Waffe hatte, warum bist Du dann nicht zu Deinem Auto gegangen und hast Verstärkung geholt?" Immer wie fragt sie sich: "Warum? Warum hast Du geschossen?"

Anthony kämpfte drei Wochen um sein Leben

Anthony Cano  und seine Mutter Renee Clum.
Anthony Cano und seine Mutter Renee Clum.

Dass ihr Sohn eine Waffe hatte, habe sie nicht gewusst. "In den sozialen Netzwerken gab es einen Jungen, vielleicht war er auch schon erwachsen, der ihn bedrohte. Er hat eine Waffe gezeigt und geschrieben: 'Ich finde Dich!' Wir vermuten, Anthony hatte Angst und hat sich deswegen eine Waffe besorgt. Was halt einfach geht", sagt Clum. Sie vermutet, ihr Sohn rannte weg, weil er Angst davor hatte, deswegen mit der Polizei Ärger zu bekommen.

Drei Wochen lang kämpfte Anthony im Krankenhaus ums Überleben. Jeden Tag war seine Mutter mehrmals bei ihm. "Als ich das erste Mal mit den Ärzten sprach, erzählten Sie mir, was die Kugeln angerichtet haben: Leber, Milz… alles kaputt. Die Milz wurde entfernt." Die andere Kugel steckte in Anthonys Wirbelsäule. Die Ärzte sagten Clum, dass ihr Sohn gelähmt sein wird." Doch sie hatte immerhin die Hoffnung, dass er überleben wird. "Ich habe gebetet", erzählt sie.

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"Anthony, kannst du mich hören?"

Anthony Cano hatte offenbar Angst, wegen der Waffe Ärger zu bekommen
Anthony Cano hatte offenbar Angst, wegen der Waffe Ärger zu bekommen
© privat

In der ersten Woche konnte Anthony noch kommunizieren. "Seine Augen waren geöffnet und er schaute mich an – er sagte, ich sollte nicht weinen." Durch den Tubus im Mund konnte er nicht reden, erinnert sich Clum. "Einmal ging ich weg und sagte zu ihm: 'Ich habe Dich lieb' und 'Ich komme bald wieder zurück'. Und durch den Tubus sagte er mit seinem Mund 'Ich habe Dich auch lieb.'" Renee Clum weint, als sie das erzählt.

Zuletzt sei ihr Junge nicht mehr richtig aufgewacht. "Sie sagten, er sei nicht im Koma aber er war sehr schläfrig. Die letzten zwei Tage sagte ich: 'Anthony, kannst Du mich hören?' Und er versuchte, seine Augen zu öffnen. Er war ansprechbar aber extrem schläfrig." Kurz darauf schloss Anthony seine Augen für immer.