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Schockierender Test: Polizei fingiert Autounfall - fast niemand hält an, um zu helfen

13. Februar 2020 - 14:01 Uhr

Unterlassene Hilfeleistung in 43 Fällen

Stellen Sie sich vor, Ihr Kind hat einen schweren Unfall, liegt verletzt im Autowrack, braucht dringend Hilfe - doch niemand hält an. Manche Autos werden langsamer, bremsen kurz, einige halten sogar an, um dann einfach weiterzufahren. Ein beklemmendes Szenario, das der Realität entspringen könnte, wie ein Test der Polizei Osnabrück zeigt.

Beschämend: Nur sieben Fahrzeuge halten an

Die präparierte Unfallstelle sieht echt aus. Ein Auto liegt auf die Seite gekippt und mit zerbeulter Motorhaube vor einem Baum. Im Wageninnern hockt das vermeintliche Unfallopfer, ein Komparse. Vor dem Test auf einer Straße in Osnabrück zeigen sich Polizei und Feuerwehr noch optimistisch. "Wir glauben, dass viele Leute anhalten, Zivilcourage zeigen und Hilfe leisten", sagt Polizist Martin Schmitz. "Wir hoffen, dass nicht so viele vorbeifahren." Was dann wirklich geschieht, ist beschämend. Von insgesamt 50 Fahrzeugen halten nur sieben an. Der Rest fährt weiter. Unterlassene Hilfeleistung in 43 Fällen nach §323c Strafgesetzbuch.

Dem Gesetz nach ist jeder Mensch verpflichtet, in einer Notsituation zu helfen, wenn dies zumutbar ist. Andernfalls drohen eine Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr oder eine Geldbuße. 

Polizist Martin Schmitz: "Wer anhält, kann nichts falsch machen!"

Einfach weiterzufahren ist kein Kavaliersdelikt. Für Schwerverletzte zählt jede Sekunde - bei dem Test vergehen etliche Minuten, ehe sich endlich jemand berufen fühlt, anzuhalten. Die Polizei vermutet, dass viele Menschen davor zurückschrecken, Erste Hilfe zu leisten. "Manche können's nicht, weil sie es ganz lange nicht mehr gemacht haben. Sie haben Angst und fahren einfach weiter", sagt Schmitz. "Es ist aber ganz wichtig, die 110 oder 112 zu wählen, damit externe Hilfe kommt, die Straße abgesperrt wird, den Menschen geholfen wird."

Ein Mann, der nicht zögert, sofort von seinem Rad steigt und zum Unfallwagen eilt, kann die Angst der Menschen in einer solchen Extremsituation nachvollziehen. "Da können ja auch ganz schlimme Sachen auf einen zukommen, die man dann vielleicht nicht bewältigen kann", sagt er. "Davor hat sicherlich jeder Respekt." Trotzdem, zumindest stehen bleiben, den Warnblinker einschalten, den Notruf alarmieren, andere Verkehrsteilnehmer stoppen und um Hilfe bitten - das kann jeder. "Jeder der nicht anhält, macht etwas falsch. Der, der anhält, kann nichts falsch machen", stellt Schmitz klar.

Haben die Menschen den Unfall schlicht nicht wahrgenommen? Auch dieses Argument lassen die Beamten nicht gelten. "Wenn man diesen Tunnelblick auf der Straße hat, dann ist das eigentlich schon verkehrt. Man sollte sein Umfeld beim Autofahren im Blick haben. Es kann ja immer mal vorkommen, dass ein Auto von der Straße abkommt und im Graben liegt."

Ersthelfer mit der Situation oft überfordert

Doch es gibt auch Lichtblicke, die Hoffnung geben. Es sind die Menschen, die anhalten und helfen wollen. Besonders die Reaktion eines Mannes berührt. Er fährt rechts ran, schaltet die Warnblinkanlage seines Wagens ein, steigt aus. Er spricht das Unfallopfer an. Als der Polizeibeamte die Situation auflöst, sackt er kraftlos in sich zusammen und muss sich an einem Baum abstützen. Der Schock sitzt tief. Eine Frau ist am Unfallort so aufgelöst, dass sie am Telefon ihre Tochter beauftragt, den Notruf zu verständigen. Zutiefst menschliche Reaktionen. Am Ende kommt es nur darauf an, zu handeln, statt einfach aufs Gaspedal zu treten und wegzufahren.

Feuerwehren starten #twittergewitter

Anlass des Tests war übrigens der Europäische Tag des Notrufs 112, der passenderweise auf den 11.2. fällt. Mit dem Aktionstag soll die Notfallnummer noch bekannter gemacht werden. Zu diesem Zweck werden heute auf Twitter unter den Hashtags #twittergewitter und #112live Feuerwehr- und Rettungsdiensteinsätze in Echtzeit anonymisiert dokumentiert.