Pistorius wegen "vorsätzlichen Mordes" angeklagt: Staatsanwaltschaft wirft Paralympics-Star Täuschung vor

15. April 2014 - 18:08 Uhr

"Warum sollte sich ein Einbrecher im Bad einschließen?"

Fünf Tage nach dem Tod des südafrikanischen Models Reeva Steenkamp hat das Magistratsgericht in Pretoria Oscar Pistorius wegen vorsätzlichen Mordes angeklagt. Der Paralympics-Star habe eine "unschuldige und unbewaffnete Frau" getötet, sagte der Staatsanwalt. Beim Verhandlungsbeginn im völlig überfüllten Gerichtssaal kamen erstmals Details aus der Mordnacht ans Licht. Pistorius' Aussage, er habe seine Freundin mit einem Einbrecher verwechselt, seien Teil seines Plans gewesen, so die Anklage.

Gerichtsanhörung, Pistorius, Pretoria
Oscar Pistorius' Schwester Aimee und Bruder Carl bei der Gerichtsanhörung in Pretoria.
© REUTERS, SIPHIWE SIBEKO

Der 26-Jährige, dem in der Kindheit die verkrüppelten Unterschenkel amputiert worden waren, habe seine Protesen angeschnallt und sei sieben Meter bis zum Bad gelaufen, bevor er auf Steenkamp geschossen habe. Die Tür zum Bad sei später aufgebrochen vorgefunden worden. "Warum sollte sich ein Einbrecher im Bad einschließen?", argumentierte der Staatsanwaltschaft bei seinem Eröffnungsplädoyer. Laut Anklage soll Pistorius vier Schüsse durch die Badezimmertür abgefeuert haben, dreimal habe er getroffen. Ein mögliches Motiv nannte der Staatsanwalt noch nicht.

Bei seinen Worten brach Pistorius, der bereits um 7 Uhr am Morgen ins Gerichtsgebäude gebracht worden war, in Tränen aus. Ansonsten wirkte der Behindertensportler, der wegen Suizidgefahr rund um die Uhr beobachtet wird, sehr ernst. Auf die Frage der Richters, ob er sich wohl fühle, nickte er. In dem Verhandlungsraum, in dem nur etwa 40 Menschen vorgesehen waren, drängten sich weit mehr als hundert Leute, darunter Pistorius' Vater, die Geschwister des Athleten, und etliche Journalisten.

Pistorius: "Ich hatte nie die Absicht, meine Freundin zu töten.“

Reeva Steenkamp, Port Elizabeth
Reeva Steenkamp wird in Port Elizabeth beigesetzt.
© dpa, Mike Sheehan

Derweil wiesen die Anwälte des Angeklagten den Mordvorwurf erneut zurück und sprachen von einem Unfall. Sie plädierten für eine Anklage wegen Mordes in einem minder schweren Fall, was im deutschen Recht Totschlag entspräche. "Ich widerspreche den Anschuldigungen aufs Schärfste", betonte Pistorius in einer Stellungnahme, die einer seiner Anwälte vorlas. Bis zum Prozessbeginn solle sein Mandant gegen eine Kaution freigelassen werden. Nichts sei von der Wahrheit weiter entfernt, den Anklagen fehle jede Substanz. "Ich hatte nie die Absicht, meine Freundin zu töten. Wir waren sehr verliebt", so Pistorius. Die Anklage hingegen will, dass Pistorius in Untersuchungshaft bleibt.

In seiner Erklärung schilderte der sechsmalige Paralympics-Sieger die Mordnacht aus seiner Sicht. Er habe einen Einbrecher im Haus vermutet und sich ohne seine Prothesen dem Badezimmer genähert. "Es war dunkel, ich hatte große Angst. Da ich meine Prothesen nicht anhatte, fühlte ich mich sehr verwundbar. Ich habe dann Schüsse auf die Tür abgegeben und geschrien", hieß es. Erst anschließend habe er realisiert, dass seine Freundin nicht im Bett lag.

Als sein Anwalt die Erklärung verlas, brach Pistorius wieder in Tränen aus, so dass der Richter die Anhörung unterbrechen musste.

Dem Läufer droht eine lebenslange Freiheitsstrafe. Nach Auffassung eines südafrikanischen Strafrechtsexperten kann diese allerdings nach 25 Jahren vorzeitig enden. Er hält es für möglich, dass Pistorius sogar schon nach 20 Jahren wieder auf freien Fuß kommt, sofern er ein volles Geständnis ablege.

Unterdessen fand ein Gedenkgottesdienst für die Ermordete Reeva Steenkamp in Port Elizabeth an der Südküste Südafrikas statt. "Wir werden all die positiven Eigenschaften meiner Schwester in Erinnerung behalten. Wir werden sie vermissen", sagte Reevas Bruder Adam nach der einstündigen Zeremonie. Anschließend wurde die die 29-Jährige, die nach einer juristischen Ausbildung vor allem als Model und Fernsehstar ihr Geld verdiente, in Anwesenheit der engeren Familie beigesetzt.