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Pilotprojekt in Essen: Suchtkranke arbeiten als Straßenkehrer

Pilotprojekt in Essen: Suchtkranke arbeiten als Straßenkehrer

Hilfsprojekt für schwer erreichbare Drogenabhängige

Putzen für Bier: Um schwer Suchtkranke zu erreichen, greift die Suchthilfe der Stadt Essen zu ungewöhnlichen Maßnahmen: Für ihren Einsatz mit Besen und Müllsack erhalten sie Dosenbier und Mahlzeiten. In Amsterdam hat sich das umstrittene Sozialprojekt bereits bewährt.

Wer Müll sammelt und die Straße fegt, bekommt in der Anlaufstelle der Suchthilfe außer einer Mahlzeit auch ein Bier pro Arbeitsstunde. "Das wichtigste Ziel für diese Menschen ist es, dass sie wieder Struktur in ihren Tag bekommen", sagt Bärbel Marrziniak, stellvertretende Geschäftsführerin der Essener Suchthilfe Direkt. Mit Hilfe von Ansprechpartnern und leichten Arbeiten soll dies gelingen. Als sogenannte Ein-Euro-Jobber bekommen sie einen Stundenlohn von 1,25 Euro. "Weil sie eine geringe Verpflegungspauschale entrichten, ist das Bier auch keine Bezahlung", betont die Sozialarbeiterin.

Und doch ist es ein Lockmittel: "Die kommen hier nicht an, wenn wir uns der Tatsache verschließen, dass sie morgens ihr Bier brauchen, um in Schwung zu kommen", sagt sie. "Schadensreduzierung" heißt es im Konzeptpapier zu dem 'Pick-up' genannten Projekt. Es handele sich nicht um ein Therapiekonzept, sondern um einen pragmatischen Lösungsansatz.

Die Essener nehmen sich ein Hilfsprojekt aus Amsterdam zum Vorbild. Vor eineinhalb Jahren startete 'De Regenboog Groep' eine ähnliches Projekt: Rund 25 Alkoholkranke räumen auf den Straßen der niederländischen Stadt Müll weg und bekommen dafür über den Tag verteilt bis zu sechs Dosen Bier ausgehändigt. "Das Projekt ist ein Erfolg", erklärt Chulah Berkowitz, Sprecherin der Organisation. Die Menschen seien beschäftigt statt rumzuhängen, sie fühlten sich gebraucht und seien endlich in der Reichweite der Helfer. "Wir haben auch schon Leute, die inzwischen Arbeit angenommen haben, für die es Geld gibt statt Bier", erläutert sie.

'Pick-up' soll den Abhängigen mehr als nur Alkohol geben

Ähnliches wollen auch die Essener erreichen und langfristig den rund 250 Drogen- und Alkoholkranken eine neue Chance geben. Die Lage der Zielgruppe ist dramatisch: Eine Befragung der Suchthilfe zu Jahresanfang habe ergeben, dass die meisten unter ihnen seit vielen Jahren illegale Drogen nehmen, häufig Begleiterkrankungen haben. Und: Die meisten trinken regelmäßig Alkohol. Schon vor mehr als einem Jahr gestattete die Anlaufstelle der Essener Suchthilfe daher ihren Klienten in den Räumen auch mitgebrachten Alkohol zu trinken. Erlaubt sind Bier und Wein. "Sie trinken nicht mehr heimlich und auch weniger", veranschaulicht sie.

Vier Männer und zwei Frauen hätten sich angemeldet. "Sie haben ihren Lebensmittelpunkt auf der Straße und die meisten machen auch wegen dem Bier mit", räumt die Sozialarbeiterin ein. Am ersten Tag stand eine Einweisung in Abläufe und Arbeitsschutzregeln auf dem Plan. Am zweiten Tag soll dann der Einsatz auf der Straße beginnen: Nach einem gemeinsamem Frühstück - wahlweise mit Bier - geht es unter Aufsicht auf Aufräumtour. Nach jeder Arbeitsstunde wird eine Pause gewährt - auf Wunsch mit Dosenbier.

Doch von der Sucht befreit werden die Süchtigen damit nicht, führen Experten gegen dieses Projekt an. "Die Tatsache, dass sie abhängig sind, führt sie dazu, dass sie bereit sind, an diesem Projekt teilzunehmen und das ist aus meiner Perspektive ein Ausnutzen dieser Abhängigkeit", erklärt der Sucht- und Drogenforscher Theo Baumgärtner. Dennoch: Für die Obdachlosen könnte dieses Projekt vielleicht ein Neuanfang sein.