Pillen werden knapp - Ärzte fordern internationale Lösung

Kommissionierautomat einer Apotheke: Derzeit gibt es Lieferengpässe für gängige Arzneimittel. Foto: Daniel Reinhardt/dpa
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23. Januar 2020 - 18:12 Uhr

Immer häufiger werden wichtige Arzneimittel knapp, sind nur schwer oder gar nicht zu bekommen. Die Engpässe bei der Medikamentenbeschaffung hätten sich in den vergangenen zehn Jahren verschärft.

Zuerst sei das Problem in den USA aufgetreten, jetzt zunehmend auch in Europa, sagte Wolf-Dieter Ludwig von der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) am Donnerstag in Brüssel. Das verursache psychischen Stress bei den Patienten und führe zu Fehlern in der Medikation sowie deutlich höheren Kosten für alternative Arzneien.

Ärzte fordern deshalb internationale Lösungen. Der stockende Nachschub bei lebenswichtigen Medikamenten sei kein nationales oder europäisches, sondern ein weltweites Problem, sagte Frank Ulrich Montgomery von der Europäischen Ärztevereinigung. Europa müsse die Führung bei der Suche nach Lösungen übernehmen.

"Es betrifft uns in unserer täglichen Arbeit", erklärte Stephan Hofmeister vom Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung (KBV), die zusammen mit der Bundesärztekammer zu der Diskussion in Brüssel eingeladen hatte. Ärzte müssten ihren Patienten erklären, warum sie die Medikation veränderten: "Das kostet Zeit, die in unserer Arbeit sehr wertvoll ist." Mehrere Teilnehmer der Runde betonten, die Engpässe untergrüben das Vertrauen der Patienten in die Behandlung.

Schon wenn sich die Farbe der Pille ändere, sei das für manche Patienten nur schwer zu akzeptieren, sagte Direktor Andrzej Rys von der Generaldirektion Gesundheit der EU-Kommission. Auch Rys verlangte: "Wir brauchen globale Lösungen für ein globales Problem."

Aus Sicht der Fachleute sind komplexe Lieferketten für einen Teil der Schwierigkeiten verantwortlich. Diogo Piedade vom Generika-Herstellerverband Medicines for Europe sprach von einer einseitigen Fixierung auf den Preis, die Folgen habe: "Die Hersteller ziehen sich von verschiedenen Märkten zurück." Das wirkt sich auf das Angebot der Apotheken aus, wenn die Generika-Hersteller 70 Prozent der verschriebenen Medikamente liefern, wie Piedade sagte. Seine Forderung: "Nicht nur der Preis sollte eine Rolle spielen."

Dem hielt die geschäftsführende Direktorin des Internationalen Dachverbands der Krankenkassen, Sibylle Reichert, entgegen, dass die Preise für Medikamente in den vergangenen Jahrzehnten stetig gestiegen seien - "vor allem für neue Therapien". Arzneimittel sollten jedoch für jeden Patienten erreichbar und bezahlbar sein.

Der EMA-Experte Ludwig verwies darauf, dass von den Engpässen oft ganz grundlegende, bewährte und keinesfalls teure Krebsmedikamente betroffen seien. Ähnliches gelte für Antibiotika, sagte der Europaabgeordnete Peter Liese (CDU), der von einem "wirklich ernsten Problem" sprach.

Auch wegen des Kostendrucks lassen viele Pharmahersteller ihre Pillen, Impfstoffe und anderen Arzneien in Fernost herstellen. Die EU diskutiere deshalb mit China und Indien über eine verlässliche Versorgung mit Medikamenten in hoher Qualität, sagte der Kommissionsfachmann Rys. Eine Option sei auch, die Produktion nach Europa zurückzuholen. Da stelle sich jedoch die Frage, wie man die Industrie zu diesem Schritt bewegen könne.

"Bringt die pharmazeutische Produktion zurück nach Europa", forderte auch Präsident Klaus Reinhardt von der Bundesärztekammer. Dann wären nicht nur die Lieferwege kürzer. Eine europäische Autarkie bei der Versorgung sei jedoch kein Allheilmittel, meinte der Ärztevertreter Montgomery. Fiele dann - etwa nach einem Fabrikbrand - die Produktion eines Impfstoffs aus, hätte das monatelange Folgen. Nötig seien deshalb Abkommen mit produzierenden Ländern.

Unterdessen scheint Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) an europäischen Ansätzen zu arbeiten. Spahn kündigte im November an, das Thema in der deutschen EU-Ratspräsidentschaft in der zweiten Hälfte 2020 anzugehen. Ziel sei, das europäische Vergaberecht zu überarbeiten. Es solle bei Zuschlägen nicht nur nach dem Preis gehen, sondern auch danach, wo Produktionsstandorte seien.

Quelle: DPA