Philippinischer Klima-Delegierter: "Stoppt diesen Wahnsinn"

19. November 2013 - 13:59 Uhr

Philippinischer Delegierter kämpft mit den Tränen

Die Taifun-Katastrophe ist auf der UN-Klimakonferenz angekommen: Der Delegierte der Philippinen in Warschau hat in einer emotionsgeladenen Rede zu entschiedenem Kampf gegen den Klimawandel aufgerufen. "Die Klima-Krise ist Wahnsinn. Lasst uns diesen Wahnsinn stoppen - hier in Warschau", sagte Yeb Saño, der mit den Tränen kämpfte, als er von den Auswirkungen des Taifuns 'Haiyan' in seiner Heimat berichtete. Er kündigte an, solange zu fasten, bis die Klimakonferenz eine bedeutsame Vereinbarung erzielt habe.

Philippinischer Klima-Delegierter: "Stoppt diesen Wahnsinn"
Der philippinische Delegierte Yeb Saño kämpfte in Warschau mit den Tränen
© dpa, Radek Pietruszka

Er sprach mit stockender Stimme von den Menschen in seiner Heimat, von seinem Bruder, der seit zwei Tagen mit bloßen Händen Tote geborgen habe, von den Angehörigen, auf deren Lebenszeichen er noch immer warte, von Hunger und Durst in den Dörfern und Städten mit zerstörter Infrastruktur: "Ich spreche hier auch für die zahllosen Menschen, die nicht mehr selbst ihre Stimme erheben können. Ich spreche für die, die durch diese Tragödie zu Waisen wurden. Ich spreche für diejenigen, die nun im Wettlauf gegen die Zeit versuchen, Überlebende zu retten und Leiden zu lindern."

"Mein Land weigert sich hinzunehmen, dass eine 30. oder 40. Klimakonferenz nötig sein soll, um das Problem des Klimawandels zu lösen", sagte Saño weiter. "Wir weigern uns zu akzeptieren, dass unser Leben darin bestehen soll, vor Monsterstürmen zu fliehen, unsere Familien in Sicherheit zu bringen, Zerstörung und Not zu erleiden und unsere Toten zählen zu müssen."

Mit seiner gefühlsgeladenen Rede rührte Saño mehrere Delegierte zu Tränen. Am Ende seines Appells herrschte im Plenarsaal zunächst völliges Schweigen, dann gab es donnernden Applaus. Zahlreiche Delegierte erhoben sich, während der philippinische Klimaunterhändler zusammengesunken auf seinem Stuhl um Fassung kämpfte.

Resolutionen in Warschau können die Toten auf den Philippinen und die Opfer von Dürre und Flut in anderen Ländern nicht ins Leben zurückbringen. Doch das Entsetzen über die Zerstörung, die der Taifun mit sich brachte, soll nach dem Willen der philippinischen Konferenzdelegation die Entschlossenheit stärken, endlich aktiv zu werden. "Wir rufen die Führer der Welt auf, zu handeln und nicht nur zu reden", sagte die philippinische Umweltexpertin Alicia Ilaaga. "Ich flehe für mein Land, ich flehe für mein Volk."

Geringe Erwartungen an die Klimakonferenz

"Wir alle spüren die Auswirkungen des Klimawandels", erklärte der polnische Umweltminister und Konferenzpräsident Marcin Korolec mit Blick auf den Taifun. Die Unwetterkatastrophe sei der Beweis, dass eine Niederlage im "ungleichen Kampf zwischen Mensch und Natur" drohe. Die Statistik gibt ihm recht: Noch nie wurde weltweit so viel CO2 in die Atmosphäre geblasen wie 2011.

Auch Achim Steiner, Direktor des UN-Umweltprogramms (UNEP), forderte eindringlich mehr Tempo in der Klimapolitik. "Die Lücke zwischen Handeln und Ziel wird immer größer, das heißt, wir bewegen uns noch immer in die falsche Richtung", sagte er im Radio.

"Letztendlich geht es ums Überleben", mahnte der ehemalige UN-Generalsekretär Kofi Annan im Gespräch mit der 'Süddeutschen Zeitung'. "Ich weiß, dass viele daran zweifeln, aber der Klimawandel ist da, und kein Land, reich oder arm, kann den Folgen ausweichen", betonte der Friedensnobelpreisträger. Die Erderwärmung werde von vielen Menschen unterschätzt. Auch die "bedenkenlose Ausbeutung der Ressourcen" müsse gestoppt werden.

Vertreter von rund 190 Nationen sollen in der polnischen Hauptstadt ein neues Klimaabkommen vorbereiten, das bis 2015 ausgehandelt sein soll. Die Erwartungen an die Konferenz sind bislang bescheiden, zumal Gastgeber Polen als Kohleland nicht als sonderlich ehrgeizig gilt, was den Klimaschutz angeht. Der US-Gesandte Todd Stern sprach dennoch von einer "historischen Chance". Anders als bei vorangegangenen Klimakonferenzen sei ein gemeinsamer Wille zur Veränderung zu spüren, etwa in stärkerer Zusammenarbeit zwischen den USA und China. "China unternimmt große Anstrengungen zur Verringerung der Kohle-Emissionen. Das macht Mut", sagte Stern.

Steiner sagte, international werde mit viel Interesse verfolgt, wie Deutschland als Exportnation seine Energiewende umgesetzt und welche Erfolge es dabei erzielt habe – unter anderem einen Ökostromanteil von 25 Prozent. Eine aktive Rolle der deutschen Delegation auf der Klimakonferenz fordern auch mehrere Umweltorganisationen. "Deutschland muss in Warschau wieder Handlungsfähigkeit beweisen, selbst wenn wir noch keine neue Regierung haben. Das Beste wäre, Bundeskanzlerin Angela Merkel fährt nach Warschau und erklärt, dass unser Land seine Blockaden beim Klimaschutz aufgibt", sagte der Vorsitzende des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Hubert Weiger.

Für einen Erfolg der Klimaverhandlungen bis 2015 müsse zuerst die EU ihre Hausaufgaben machen, sagte Christoph Bals, politischer Geschäftsführer von Germanwatch. Ob das möglich sei, hänge auch vom Ergebnis der Koalitionsverhandlungen in Deutschland ab. "Der jetzige Entwurf der Koalitionsvereinbarung spricht von einem EU-Klimaziel von mindestens 40 Prozent Kohlendioxid-Reduktion bis 2030", sagte Bals. Das sei ein schwaches Ziel und untergrabe die Reduktionsziele von 80 bis 95 Prozent für 2050.