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Phänomen Guttenberg: Kraft durch Reue

Phänomen Guttenberg: Kraft durch Reue

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Unser Reporter Lothar Keller findet, zu Guttenberg würde sich mit einem Rücktritt viel glaubwürdiger machen.

Von Lothar Keller aus Berlin

Verteidigungsminister zu Guttenberg gesteht Fehler ein, aber so, dass es möglichst wenig auffällt. Seinem Ruf wird er damit nicht gerecht. Karl-Theodor zu Guttenberg hat eine schwere Woche hinter sich, doch er ist noch immer Minister. Es grenzt an ein Wunder, dass er als Minister nicht zurückgetreten ist – doch wird sich das langfristig vielleicht als größter Fehler erweisen.

Der Minister hat wesentliche Teile seiner Doktorarbeit abgeschrieben. Seine Universität prüft, ob er sie bewusst getäuscht hat. Ein Jura-Professor dieser Uni nennt ihn einen Betrüger.

Guttenbergs Umgang mit diesen Vorwürfen ist bemerkenswert. Vor elf Tagen fand er die Vorwürfe gegen seine Doktorarbeit noch abstrus. Zwei Tage später kündigte er an, seinen Doktortitel „vorübergehend“ nicht zu führen; weitere drei Tage später hatte zu Guttenberg doch „gravierende Fehler“ in seiner Arbeit entdeckt, und er bat die Universität Bayreuth, ihm den Titel wieder abzuerkennen.

Wie kann ein Minister damit ungeschoren davon kommen? Eine Kassiererin verliert ihren Job wegen ein paar Pfandbons, Schüler kommen vor Gericht, weil sie illegal ein paar Lieder aus dem Internet laden, und jedem Offizier an der Bundeswehrhochschule droht die Degradierung, wenn er so abschreibt, wie sein Minister es getan hat.

Es sind schon Politiker aus weniger schwerwiegenden Gründen zurückgetreten. Doch zu Guttenberg bleibt im Amt, und das mit großer Unterstützung seiner Anhänger in der Bevölkerung. Das beweist: Er ist wirklich anders als andere Politiker.

Ob er allerdings wirklich der ist, für die ihn seine vielen Fans halten?

Zu Guttenberg ist jünger als viele Politiker aus der ersten Reihe, er sieht besser aus als fast alle anderen, und trägt als einziger einen Adelstitel. Das sind Äußerlichkeiten, aber man darf ihre Wirkung nicht unterschätzen. Zudem tritt zu Guttenberg mit so großem Selbstbewusstsein auf, als duldeten seine Worte keinen Widerspruch. Dabei geht leicht unter, dass bislang noch jede seiner Antwort neue Fragen aufgeworfen hat.

Das war so, als der Angriff auf den Tanklaster in Kundus aufgeklärt werden sollte, und es war so, als Guttenberg den Kapitän der „Gorch Fock“ suspendierte. Nirgends aber war der Graben zwischen der den wuchtigen Worten der Selbstverteidigung und den offenen Fragen so groß wie bei den Zweifeln an Guttenbergs Dissertation.

Der Druck auf zu Guttenberg wird nicht nachlassen

„Blödsinn“ habe er geschrieben – zu diesem Urteil kam zu Guttenberg erst, nachdem er seine Doktorarbeit noch einmal aus dem Regal geholt hatte. Er musste also die 475 Seiten erneut lesen, um zu wissen, was er „sieben Jahre lang in mühevoller Kleinarbeit“ zusammengetragen hatte? Das nimmt ihm niemand ab, der jemals soviel Zeit und Mühe in eine schriftliche Arbeit gesteckt hat.

Doch diese Widersprüche schaden ihm nicht. Viele Wähler nehmen bei Politikern generell an, dass sie tricksen und vertuschen. Gerade zu Guttenbergs triumphale Entschuldigungen machen ihn zu einer Ausnahme. Es gelingt ihm, jeden Fehler, den er eingesteht, zu einem Beweis seiner Stärke zu machen.

Kritik von Opposition und Experten macht seine Anhänger nicht skeptisch, sondern bestärkt sie vielmehr, dass hier einer fertig gemacht werden soll, weil er sich dem üblichen Verhalten der „etablierten“ Politiker widersetzt. Diese Version findet weite Verbreitung, weil zu Guttenberg die „Bild“-Zeitung zu seiner Verbündeten gemacht hat.

Die Beliebtheit des Ministers macht es für Angela Merkel zu einem großen Risiko, ihn fallen zu lassen, gerade angesichts der anstehenden Landtagswahlen in Baden-Württemberg. Dafür muss sich nicht nur die Kanzlerin erheblich verbiegen. Wenn Kameras und Mikrofone ausgeschaltet sind, machen auch in CDU und CSU viele ihrem Ärger über zu Guttenberg Luft.

Der Druck auf zu Guttenberg wird daher nicht nachlassen, und das ist bedenklich, weil er genug Arbeit zu erledigen hat. Der Einsatz in Afghanistan, die Bundeswehrreform: Wie viel Zeit und Energie bleibt ihm dafür, und wie glaubwürdig ist zu Guttenberg noch?

Hätte er in der vergangenen Woche seinen Rücktritt erklärt und seine Fehler mit weniger großen Worten eingestanden: Zu Guttenberg wäre einige Zeit aus der ersten Reihe der Politik verschwunden, hätte aber nach kurzer Zeit zurückkehren können, zum Beispiel als nächster bayerischer Ministerpräsident. Mit der Entscheidung zum Rücktritt wäre er auch seinem Ruf gerecht geworden, geradlinig und glaubwürdig zu sein – anders als die, die ihre Fehler nicht einsehen und an ihren Ämtern kleben.

Er hat diese Gelegenheit nicht genutzt. Macht er als Minister weiter, bietet er immer eine offene Flanke. Muss er irgendwann doch noch seinen Hut nehmen, weil es weitere Vorwürfe und neue Beweise für eine absichtliche Täuschung gibt, dann wird ihm eine Rückkehr in die Politik für lange Zeit verwehrt bleiben.