Pflegerin berichtet bei RTL

"Viele von uns können bald nicht mehr"

25. Dezember 2020 - 13:17 Uhr

von Philipp Sandmann

Pflegekräfte leisten in der Pandemie übermenschliches und die Arbeitsbedingungen sind weiterhin katastrophal, wie eine Pflegerin im Video berichtet. In Deutschland fehlen über 50.000 Pflegekräfte – Tendenz steigend. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) wollte einen Großteil dieser Lücke mit Pflegekräften aus dem Ausland schließen. Dafür reiste er im Sommer 2019 in den Kosovo und besuchte eine Pflegeschule, die auch für den deutschen Markt ausbildet.

Doch dann kam die Corona-Pandemie dazwischen, die Anwerbung aus dem Ausland musste so gut wie eingestellt werden. Der Leiter der deutschen Pflegeschule in Pristina, Adrian Heimerer, sagte im Interview mit RTL: "Es sollte jedem klar werden in der Corona-Krise, dass uns nicht die Betten oder Geräte fehlen. Uns fehlen die Fachkräfte. Wir haben einen demographischen Wandel, die Gesellschaft wird immer älter."

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Pflegerin in der Corona-Pandemie: "Jeder kommt an sein Limit"

Deswegen arbeiten Pflegerinnen und Pfleger, in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen, am absoluten Limit. Einige denken sogar darüber nach, den Job nach der Krise ganz aufzugeben, berichtet die Pflegerin Valeria (Name geändert), die auf einer Station für Säuglinge arbeitet. Valeria sagte zu RTL: "Allgemein sind die Zustände verheerend. Ich würde sagen, es grenzt oft an grobe Fahrlässigkeit, mit wie vielen Dingen die Pfleger dort gleichzeitig jonglieren müssen."

Auch Pflegeschulen-Leiter Heimerer warnt: "Verstärkend kann die Krise dafür sein, dass sich Leute sagen: 'Jetzt sind wir da zwar einigermaßen durch, aber das war's jetzt – ich kann nicht mehr.'" Die Belastung werde häufig unterschätzt. Immer mehr von Valerias Kolleginnen und Kollegen hätten Depressionen und Burnout: "Jeder kommt an sein Limit. Wir haben oft keine Pause, trinken nicht und gehen somit nicht auf die Toilette. Die Nieren werden nicht durchgespült und die natürliche Hungerfunktion des Körpers wird unterdrückt."

Valerias klare Forderung an die Politik: "Stellt endlich mehr Ausbildungsplätze zur Verfügung, macht den Beruf attraktiver und legt den Menschen, die sich sozial weiterbilden wollen, keine Steine in den Weg. Bezahlt uns endlich angemessen." Denn dieser Job sei eine "Berufung", sagt die junge Frau. Keiner mache ihn nur wegen des Geldes.

Warten auf Anerkennung

Jens Spahn in Pristina
Jens Spahn im Sommer 2019 im Gespräch mit angehenden Pflegekräften aus dem Kosovo.
© deutsche presse agentur

Das Problem: Viele ausländische Pflegekräfte, zum Beispiel aus dem Kosovo oder aus Mexiko, leben bereits in Deutschland, müssen aber teilweise sehr lange auf ihre berufliche Anerkennung warten. So auch im Fall von Valeria, die fast zweieinhalb Jahre auf ihre Anerkennung als Gesundheits- und Krankenpflegerin warten musste. Dabei hatte Valeria in Mexiko vier Jahre das Fach "Gesundheit und Krankenpflege" studiert und sogar ein Jahr im Sozialdienst gearbeitet.

Die Dauer der Anerkennungen variiert stark von Fall zu Fall. Interessant sind Zahlen, die RTL aus dem bayerischen Gesundheitsministerium bekam: In Bayern fehlten im November insgesamt 1.651 Stellen in der Altenpflege, sowie 1.927 Stellen in der Gesundheits- und Krankenpflege, im Rettungsdienst und in der Geburtshilfe. Bis Ende Juni 2020 lagen der Anerkennungsbehörde in Bayern aber insgesamt 1.199 Anträge von ausländischen Pflegekräften vor.

Doch die Mühlen der Bürokratie mahlen eben langsam, kritisiert Adrian Heimerer: "Wir machen unsere Arbeit weiterhin, aber es gab bisher keine Verbesserungen. Die Zuständigkeit bleibt weiterhin bei den Ländern. Es gibt 35 verschiedene Anerkennungsstellen in Deutschland und die entscheiden."

Spahn: "Natürlich wurde viel gemacht"

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn verteidigte im RTL-Interview (im Video) die Pflegeoffensive, die er 2019 vorgestellt hatte: "Viel hat funktioniert. Wir haben eine Steigerung bei den neuen Auszubildenden in der Pflege – fast zehn Prozent mehr – wie seit vielen Jahre nicht."

Außerdem müsse man bedenken, dass gerade in der Intensivpflege die Ausbildungen länger dauerten. "Eine Intensiv-Fachkraft, das ist eine mehrjährige Ausbildung. Das geht nicht mal eben so", sagte Spahn.

Doch am Ende wird es vor allem darum gehen, aktiv auf die Pflegerinnen und Pfleger zuzugehen, fordert Adrian Heimerer. Nur so könne man verhindern, dass am Ende Tausende ihren Beruf kündigen: "Nicht nur klatschen, sondern es muss sich tatsächlich etwas ändern!"